Kolumne des Oberbürgermeisters (28. Dezember 2012)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

in den letzten Jahren habe ich kurz vor Weihnachten auf das letzte Jahr zurückgeblickt. Nicht aus Routine oder Prinzip, sondern weil es ganz einfach faszinierend ist, wenn man sich daran zurückerinnert, was alles in den letzten zwölf Monaten geschehen ist. Sowohl in globalen Kontexten als auch – und ganz besonders – hier in Oldenburg. Dabei überrascht mich immer wieder, dass die Ereignisdichte vor der eigenen Haustür mit jener im Rest der Welt fast mithalten kann. Wobei hier – zum Glück – alles etwas weniger drastisch und dramatisch abläuft.

Ich will das in diesem Jahr nicht grundsätzlich anders machen. Das heißt: Es bleibt bei einem Rückblick; dieses Mal aber mit einem besonderen Schwerpunkt. Warum? Ganz einfach: Weil ich diesen Schwerpunkt besonders hervorheben will. Denn: Wenn wir über die positiven Entwicklungen in Oldenburg sprechen, wenn wir uns über gute Nachrichten freuen, über gewonnenes Renommee oder große Preise und wenn wir feststellen, dass Oldenburg sich positiv verändert und das mit zunehmender Dynamik – dann hat das sehr oft mit diesem Schwerpunkt zu tun. Mit der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

Seit beinahe vierzig Jahren ist sie ein wichtiger Taktgeber in unserer Stadt. Ich verstehe sie als eine große – nein, sehr große – Bereicherung für uns. Sie sorgt für Input, Ideen, Impulse, Initiativen, Innovationen und viele andere positive Dinge, die nicht mit „I“ beginnen. Sie ist aber auch eine „Verjüngungsmaschine“ für unsere Stadt. Dass Oldenburg immer weiter wächst, hat viel mit der Universität zu tun. Denn unser Wachstum stammt aus Zuzügen von außerhalb. Diese Zuzügler sind in aller Regel zwischen 20 und 30 Jahre alt; und viele von ihnen kommen wegen eines Studiums hierher. Genauso wichtig sind aber auch die fachlichen Qualitäten der Universität. Für eine „eher kleine“ Hochschule an einem „eher kleinen“ Standort ist die Entwicklung in diesem Bereich äußerst positiv. Innerhalb Oldenburgs ist sie als bedeutender Standortfaktor geschätzt und anerkannt. Aber auch außerhalb davon gewinnt ihr Wort an Gewicht, werden Erkenntnisse aus Oldenburg aufmerksam registriert.

Das ist nicht unbedingt selbstverständlich. Als „typische“ Reformuniversität der 70er in der vermeintlichen (!) Provinz und Diaspora hat man gegenüber etablierten Bildungstempeln mit großen Traditionen nicht automatisch eine gute Position. Es ist eine Gratwanderung, unter diesen Bedingungen seinen Platz in der deutschen Hochschullandschaft zu finden. Unserer Universität ist das auf beeindruckende Weise gelungen. Sie hat den „Spirit“ der 70er inklusive seiner produktiven Unbequemlichkeit mit klassischen Tugenden und Qualitäten – wie fachlicher Kompetenz – kombiniert und damit positive Effekte für die Hochschule und den Standort erreicht. Oldenburg gilt bis heute nicht als stromlinienförmig, aber auch nicht mehr als so unbequem wie einst. Und das ist eine Beschreibung, mit der ich sehr gut leben kann.

Die starke Entwicklung unserer Universität schlägt sich auch in einer hohen Dichte an Erfolgen nieder, die vor allem das Jahr 2012 geprägt haben. Es ist kaum zu ermessen, was unsere Universität in den letzten Monaten erreicht hat. Das größte Thema ist – natürlich – die European Medical School (EMS). Dass wir seit September eine „Fakultät VI – Medizin“ in Oldenburg finden, ist eine Veränderung, die mit „Meilenstein“ noch unzureichend beschrieben ist. Eine Entwicklung dieser Dimension wird über viele Jahre hinweg einzigartig bleiben. 2018 werden schon 400 Studierende im Medizinstudiengang eingeschrieben sein. Bis dahin werden wir vermutlich auch erste Entwicklungen mit Bezug zur Hochschulmedizin erkennen. Also: die Ansiedlung oder Gründung von Unternehmen oder Instituten aus medizinischen Branchen. Der Bau einer modernen Suchtklinik der Diakonie auf dem Weißen Campus in Kreyenbrück ist ein erster Vorbote dafür. Nicht zuletzt wird die EMS auch die Hausärzteversorgung in unserer ländlichen Regionen verbessern. Damit gewinnt man zwar keine großen Forschungs- und Wissenschaftspreise. Für die Menschen in unserer Region wird dieser Effekt aber viel wichtiger sein als der Glanz irgendeiner Trophäe.

Apropos Preise: Davon gab es in diesem Jahr auch so einige. Die Oldenburger Hörforscher gewannen den Deutschen Zukunftspreis 2012. Bundespräsident Joachim Gauck überreichte ihn am 28. November 2012. Meine Extra-Kolumne zu diesem Thema finden Sie hier ». Einen Beitrag zum Zukunftspreis des ZDF finden Sie hier ». Außerdem ging der erste Norddeutsche Wissenschaftspreis an die DFG-Forschungsgruppe „BioGeoChemie des Watts“, die die Universität gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie Bremen realisiert hat. Noch wichtiger ist aber eine andere Auszeichnung, weil sie in Zusammenhang mit einer erheblichen finanziellen Förderung steht: Die Ernennung des Projekts „Hearing4all“ zu einem Exzellenzcluster durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Am 1. November begann der vierjährige Förderungszeitraum, der unsere sowieso schon international hochgeschätzte Hörforschung weiter aufwerten wird.

Wichtig ist mir an dieser Stelle aber noch etwas anderes. Beim Stichwort Universität denken wir zurzeit meistens an diejenigen Bereiche, die große Aufmerksamkeit erzeugen. Wir lesen relativ häufig etwas über die EMS, über die Hörforschung, über die Natur- und Umweltwissenschaftler, über die Nachhaltigkeitsforschung und Postwachstumsökonomie. Das hat alles seine Berechtigung, kein Wort ist zu viel. Wir sollten dabei aber nicht die anderen Bereiche der Universität vergessen, die ebenso exzellent arbeiten, die ebenso wichtige Effekte für die Gesellschaft erzielen, deren Vorteile sich aber vielleicht weniger gut vermarkten lassen, weil sie gerade nicht im Trend liegen oder generell etwas abstrakter sind. Das trifft vor allem auf die Lehre zu. Sie ist nicht so „greifbar“ wie andere Bereiche. Aber ohne Pädagogik und Didaktik bräuchten wir uns über die Zukunft gar keine Gedanken machen – weil wir keine hätten. Und das gilt für alle Branchen und Bereiche.

Was viele gar nicht wissen oder oft vergessen: Die Universität ging hervor aus einer Pädagogischen Hochschule, die hervorging aus einem Lehrerseminar, das 1793 von Peter Friedrich Ludwig ins Leben gerufen wurde. Die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern ist also das „Kerngeschäft“ der Universität. Und das verstehe ich als einen großen Vorteil. Die Schule wird zwar gerne vergessen, wenn es um die Zukunftsbranchen geht. Aber sie ist die Zukunftsbranche schlechthin. Jedes einzelne wissenschaftliche Feld würde stagnieren, wenn es keinen gut ausgebildeten Nachwuchs gäbe. Insofern bin ich stolz auf die Geschichte unserer Universität – und froh darüber, dass sie dieses Erbe pflegt und weiterentwickelt. Unser Standort profitiert davon.

Übrigens profitiert auch die Stadtverwaltung. Wir kooperieren auf vielen verschiedenen Ebenen mit der Universität und nutzen ihr Know-how für wichtige Fragen der Stadtentwicklung – wie etwa die Ressourcen der Fakultät I – Bildungs- und Sozialwissenschaften. Aktuelle Beispiele dafür sind die Evaluation der Kooperativen Ganztagsbildung in Grundschulen durch Frau Prof. Dr. Röbken (Bildungsmanagement) oder die wissenschaftliche Begleitung der Inklusion an Oldenburger Schulen durch Herrn Dr. Lindemann (Sonderpädagogik). Dass wir dieses enorme Potenzial in unserer Stadt haben, ist äußerst wertvoll für uns. Es hebt die Qualität unserer Planungen und Entscheidungen auf ein höheres Niveau. So profitiert die ganze Stadt vom akademischen Input aus der Universität.

Ich fasse all das noch einmal zusammen. Und zwar in einem Wort: Danke! Danke an die Carl von Ossietzky Universität, an ihre mehr als 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Forschung, Lehre und Verwaltung, an ihre rund 11.500 Studierenden, an ihre Freunde und Förderer, Sympathisanten und Unterstützer. Sie alle tragen ganz direkt dazu bei, dass Oldenburg sich positiv entwickelt. Das ist keine Selbstverständlichkeit und kein Automatismus, sondern das Ergebnis konzentrierter, engagierter und leidenschaftlicher Arbeit. Davon profitieren nicht nur Forschung und Entwicklung, davon profitieren wir – als Gesellschaft und als Stadt.

Das wird sich wohl auch im kommenden Jahr zeigen; es spricht jedenfalls viel dafür. Ich wünsche aber nicht nur der Oldenburger Hochschullandschaft für 2013 alles Gute, sondern allen Oldenburgerinnen und Oldenburgern. Ich hoffe, Sie erleben einen angenehmen und fröhlichen Jahreswechsel und gehen mit Vorfreude und Zuversicht in das neue Jahr. Was Oldenburg als Ganzes betrifft, besteht durchaus Grund dazu. Und ich hoffe, bei Ihnen persönlich ist es genauso. In diesem Sinne – einen guten Start!

Ihr
Gerd Schwandner


p.s.: Um Nachfragen vorzubeugen: Es gibt viele weitere Bereiche der Universität, die ebenfalls exzellente Arbeit leisten und wichtig sind, die ich hier aber nicht genannt habe. Und natürlich ist auch der Input durch die Jade Hochschule nicht zu vergessen, der ebenfalls äußerst wichtig ist – und von der die Stadtverwaltung sehr profitiert. Allerdings widmet sich diese Kolumne dem Jahr der Universität. Alles andere zu einem angemessenen Zeitpunkt – in gebührender Ausführlichkeit.