Kolumne des Oberbürgermeisters (2. September)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

was assoziiert ein durchschnittlicher Westeuropäer mit China? Großes Land, viele Einwohner. Shanghai, Hongkong, Peking. Konfuzius und Mao. Diese Dinge vielleicht. Aber auch zeitgenössische Kunst? Fotografie und Malerei? Mode, Kino, Musik? Ai Weiwei und Wang Qingsong? Wahrscheinlich nicht. Doch das wird sich ändern. Überall auf der Welt. Und auch in Oldenburg.

Wir haben es dabei wesentlich leichter als andere. Am 1. September ist mit den „China Begegnungen“ eine der hochkarätigsten Kunst- und Kulturreihen der letzten Jahre gestartet. Insgesamt neun Institutionen beteiligen sich an diesem ambitionierten Projekt. Die große Bandbreite garantiert höchste Qualität. Und sie erlaubt eine intensive Auseinandersetzung mit einer der lebendigsten, vielfältigsten, spannendsten und bedeutendsten Kunstszenen der Welt. Die ganze Republik beneidet uns um das Programm – hieß es gerade im Radio. Das glaube ich sofort.

Vielleicht sind Sie trotz der Superlative noch skeptisch. Oder gerade deswegen. Mein Faible für China ist ja bekannt. Vielleicht übertreibe ich ja maßlos? Nein, keine Sorge. Mit meiner Meinung zur chinesischen Gegenwartskunst und Popkultur bin ich aber nicht allein. Sie hat auf internationaler Ebene eine kaum zu beschreibende Entwicklung vollzogen. Von null auf hundert wäre dafür noch ein schwaches Bild. Die globalen Kunstmärkte verschieben sich nach Asien. Die größten Verkäufe werden nicht mehr in New York oder London getätigt; sondern in Beijing und Shanghai. Dieser Bedeutungsgewinn spiegelt eine globale Bewegung wider. Weg vom Westen – hin zum Osten. Der Untertitel eines Buches von Kishore Mahbubani drückt es vielleicht am besten aus: “The irresistible Shift of Global Power to the East“. Die unaufhaltsame Verschiebung globaler Mächte nach Osten.

Manche machen daraus ein Drohszenario. Ich halte das aber für völlig falsch. Was soll daran bedrohlich sein? Wenn sich West und Ost in Zukunft auf Augenhöhe begegnen und wenn wir „Westler“ unser Überlegenheitsgefühl ablegen müssen – dann erkenne ich darin keine Risiken. Dann erkenne ich darin Chancen. Denn das hieße, wir würden ohne Vorbehalte voneinander lernen – und profitieren – können. Die „China Begegnungen“ sind dafür ideal. Die Kunstwerke sind Botschafter. Und die Botschaft lautet: China öffnet sich. Die aktuelle Umbruchphase – zwischen Ordnung und Freiheit, zwischen Kommunismus und Demokratie – ist offensichtlich ein idealer Nährboden für Kunst. Sie verarbeitet die Situation auf höchstem Niveau und erzielt damit weltweite Wirkung. Auch – und gerade – in Oldenburg.

Also: Nutzen Sie die Gelegenheit und begegnen Sie China. Direkt vor der eigenen Haustür!

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister