Kolumne des Oberbürgermeisters (30. Januar 2014)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

bestimmt ist es Ihnen irgendwann schon mal aufgefallen: Wenn man sich Oldenburg vom Umland aus nähert, dann sieht man zunächst nur wenig. Die Stadt duckt sich in der Natur, ist ganz Teil von ihr und zerschneidet sie mit keiner Skyline. Die weichere Variante, eine städtische Silhouette, gibt es aber sehr wohl. Und sie ist – neben den Silos am Hafen – in erster Linie von Sakralbauten geprägt.

Welche fallen Ihnen ein? St. Lamberti nehme ich an, Peter- und Garnisonkirche vielleicht, St. Ansgari oder die Kirche zu Ohmstede? Auch der Lappan hat als ehemaliger Kappellenturm einen sakralen Hintergrund (obwohl man ihn erst sieht, wenn man direkt davor steht). Ein Minarett dürfte bisher nicht zu den naheliegenden Assoziationen gehört haben. Das könnte sich mittelfristig aber durchaus ändern.

Vor einigen Tagen wurde nämlich das Minarett der Haci-Bayram-Camii (Haci-Bayram-Moschee) der Türkisch-Islamischen Gemeinde feierlich eingeweiht. Viereinhalb Jahre nach ihrer Eröffnung ist die Moschee nun vollständig. Wobei man den Begriff Minarett in diesem Fall näher erläutern muss. Es handelt sich dabei nicht um einen Gebetsturm im eigentlichen Sinne, der die höhenmäßige Konkurrenz zu den Kirchen sucht. Nein, es ist ein architektonisch gelungenes Bauwerk, das beinahe an ein Designobjekt erinnert. Mit seinen 14 Metern ist das Minarett hoch genug, um im Kontext zur Moschee Wirkung zu entfalten – gleichzeitig aber nicht so groß, als dass es jemanden stören könnte. Diese Mischung aus Zurückhaltung und optischer Eleganz ist eine angenehme Geste gegenüber der christlich geprägten Nachbarschaft und Gesellschaft.

Überhaupt: die Nachbarschaft. Es ist gut um sie bestellt. In Oldenburg sind keine größeren Dissonanzen zwischen Muslimen und Christen zu erkennen. Im Gegenteil, es herrscht eine freundliche Atmosphäre. Der Leitbegriff „Toleranz“ ist also mehr als eine Worthülse. Er ist ein permanentes Ziel, dessen Erreichungsgrad sich immer weiter erhöht. Ein Beispiel dafür: In vielen Städten gab es oder gibt es Proteste gegen den Bau von Moscheen oder Minaretten. In Hamburg zum Beispiel oder in Köln. Und in vielen kleineren Gemeinden erst recht. Und hier? Hier nicht. In Oldenburg begegnen wir anderen Kulturen nicht mit Angst und Argwohn, sondern mit Interesse. Und wir werden diese Haltung im Laufe des Jahres mit den „Türkei Begegnungen“ weiter kultivieren.

Der frühere Bundespräsident Christian Wulff hatte Recht mit seiner Aussage „Der Islam gehört zu Deutschland“. Das kann man nicht anders sehen, bei geschätzten drei bis vier Millionen Muslimen. Und hier bei uns ist es genauso. „Der Islam gehört zu Oldenburg.“ Das kann man nicht anders sehen, bei geschätzten drei- bis viertausend Muslimen. Das Christentum ist und bleibt die vorherrschende Religion. Daran wird sich nichts ändern. Für alle anderen Glaubensrichtungen aber bietet Oldenburg genug Raum zur Entfaltung und Entwicklung. Für Buddhisten, für Juden, für Yeziden. Und natürlich auch für die größte Gruppe: die Muslime.

Wir sind eine moderne Großstadt. Weltoffen, vielfältig, tolerant. Und das sind wir nicht nur für die 93 Prozent Deutsche und für die 60 Prozent aktiver Christen – sondern für alle. Für 10.000 Menschen aus 100 anderen Nationen. Für 65.000 Menschen mit einer anderen oder ohne Glaubensrichtung. Und ich habe gerade bewusst nicht den Konjunktiv verwendet, sondern den Indikativ. Wir wollen keine moderne Großstadt sein – wir sind es längst und weit mehrheitlich. Wir wollen nicht weltoffen, vielfältig und tolerant sein – wir sind es längst und weit mehrheitlich. Nicht nur, weil die Proteste hier ausgeblieben sind. Sondern vielmehr deswegen, weil Neues oder Fremdes als Bereicherung wahrgenommen wird. Nicht als Bedrohung.

Die Haci-Bayram-Camii und das neue Minarett machen all das nach außen sichtbar. Hier zeigt sich die Türkisch-Islamische Gemeinde weltoffen und einladend – und ich bedanke mich an dieser Stelle herzlich für diese Haltung und für ihr großes Engagement in unserer Stadt. Ich hoffe, dass möglichst viele Oldenburgerinnen und Oldenburger die Gelegenheit wahrnehmen, dem Islam zu begegnen und ihn (noch besser) kennenzulernen. Und wer weiß? Vielleicht fällt uns beim Stichwort „Silhouette“ in Zukunft intuitiv auch ein Minarett ein. Weil’s ganz normal ist. Und zu Oldenburg gehört. Wie Lappan und Lamberti.

Ihr Gerd Schwandner