Kolumne des Oberbürgermeisters (30. April 2013)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

was haben Sie gedacht, als Sie heute Morgen auf den Kalender geschaut haben? Wahrscheinlich hatten Sie intuitiv im Kopf, was im Laufe des Tages noch alles zu tun ist. Vielleicht gingen Ihre Gedanken aber auch in die andere Richtung und Sie haben überlegt: Tag X, Y – da war doch mal was?

Ja, genau, da war mal was. Es gibt wohl kaum eine Zeit im Jahr, in der sich nicht Bezüge zu wichtigen historischen Ereignissen herstellen lassen. Das gilt auch – und ganz besonders – für die aktuelle Phase. Auf der Hand liegt natürlich der 1. Mai – der Tag der Arbeit. Als gesetzlicher Feiertag ist er natürlich sehr präsent, man muss nicht an ihn extra erinnern. Es täte aber trotzdem nicht schlecht, gelegentlich auf seine Ursprünge hinzuweisen. Oder wissen Sie auf Anhieb, warum wir diesen Tag feiern und was der Anlass war? Wenn ja – wunderbar. Wenn nein – klicken Sie einfach mal hier »

Mir geht es an dieser Stelle aber um etwas anderes. Nicht um bundesweite Feiertage, sondern um besondere Momente der Oldenburger Geschichte. Auch von ihnen gibt es in diesen Tagen so einige. Und es lohnt sich, darauf aufmerksam zu machen und an diese Ereignisse zu erinnern. Nicht zuletzt deshalb, weil die Patina des Vergessens sie langsam überdeckt.

Am 3. Mai 1945 wurde die Stadt Oldenburg (weitgehend) kampflos an die heranrückenden Alliierten übergeben. Das ist mittlerweile 68 Jahre her. Immer weniger Menschen erinnern sich persönlich daran. Das ist eine unvermeidbare, gleichzeitig aber unwillkommene Entwicklung. Denn dieses Ereignis steht nicht nur für sich selbst, es steht auch für das Ende der Nazidiktatur mit all ihrem Unrecht und all ihren Verbrechen. Und es steht für das Ende der Zwangsarbeit, die es auch in Oldenburg  gegeben hat.

Solche direkten Bezüge der unmittelbaren eigenen Heimat zu den schwärzesten Momenten der deutschen Geschichte mögen unbequem sein; die Erinnerung an sie ist aber wichtig, um Emotionen zu wecken und Verbindungen herzustellen. Die jungen Generationen müssen sicher nicht mehr mit gesenktem Haupt durch Europa laufen. Sie sollten aber ein Bewusstsein dafür haben, was hier vor siebzig Jahren geschehen ist und ihre Lehren daraus ziehen. Die Zunahme rechtsradikal motivierter Straftaten und insbesondere der NSU-Prozess zeigen deutlich, dass dieser Blick zurück nach wie vor sinnvoll und notwendig ist.

Auch in Oldenburg. Wie gesagt waren wir keine rühmliche Ausnahme. Das betreffende Kapitel unserer Stadtgeschichte erzählt nicht von Heldenmut und Ruhmestaten. Oldenburg war insgesamt ein Teil im Getriebe der Nazimaschinerie. Wir haben unauffällig funktioniert. Und deshalb teilen wir auch die Last der Erinnerung an die menschenverachtenden Abscheulichkeiten jener Zeit – wie die Zwangsarbeit. Bis heute ist es für niemanden von uns vorstellbar, was die betroffenen Menschen in unserer Stadt erleiden mussten. Fest steht nur: Ihnen wurde hier, in unserer Stadt, großes Unrecht angetan. Was für uns heute eine lebenswerte und friedvolle Heimat ist, war für sie damals ein grauenvoller Ort. Das kann man nicht wiedergutmachen. Man kann aber so konstruktiv wie möglich mit diesem Erbe umgehen. Und das heißt: aktiv daran erinnern, Zusammenhänge verstehen, Lehren ziehen, Reaktionen zeigen.

Die Stadt Oldenburg erhält die Erinnerung an die Befreiung vom 3. Mai 1945 durch eine Kranzniederlegung am Ohmsteder Friedhof aufrecht, wo viele der polnischen und russischen Zwangsarbeiter begraben wurden, die im Lager am Rennplatz ihre Leben ließen. Dabei handelt es sich um eine ruhige Art des Gedenkens und der Erinnerung. Das empfinde ich als angemessen. Die Intimität des Moments hat allerdings zwei Seiten: Sie bietet Gelegenheit zur inneren Einkehr – sie ist aber auch ein Indiz für eine relativ geringe Resonanz. Wenn wir die Erinnerung an den Tag und an die Zeit davor wach halten wollen, dann ist mehr dafür nötig als diese symbolische Geste. Wir müssen aktiv sein. Vor allem in unseren Schulen – aber auch außerhalb davon.

Was diese Tage Anfang Mai für Oldenburg zusätzlich besonders macht, ist der Todestag Carl von Ossietzkys am 4. Mai. Er jährt sich in diesem Jahr zum 75. Mal. Grund genug, um noch einmal daran zu erinnern, dass er – der kritische Publizist, überzeugte Pazifist und Träger des Friedensnobelpreises – im KZ Esterwegen inhaftiert, drangsaliert und gefoltert wurde. Was er hier erduldete, kostete ihn einige Zeit später in Berlin das Leben. Oldenburg trägt in diesem Zusammenhang zwar keine direkte Schuld, wir sind aber gleichzeitig nicht frei davon. Denn es gab eine Zeit, in der es möglich war, Menschen vor unserer Haustür fast oder ganz zu Tode zu foltern.

Die Erinnerung an Ossietzkys Tod ist aber nicht ausschließlich negativ konnotiert. Zumindest dann nicht, wenn man den Oldenburger Umgang mit diesem Kapitel der regionalen Geschichte einbezieht. Dass unsere Universität nach Ossietzky benannt ist, dass wir einen renommierten Preis für Zeitgeschichte und Politik mit seinem Namen verleihen und dass er zu so einem präsenten Teil der Stadt geworden ist – das zeigt, das Oldenburg sich traut, Geschichte zu einem Anliegen der Gegenwart zu machen. Sicher: Das lief nicht immer reibungslos ab. Aber die richtige Haltung hat sich am Ende durchgesetzt. Und das sagt einiges aus über unsere Stadt.

Es lohnt sich also durchaus, in diesen Tagen innezuhalten und die Vergangenheit zu reflektieren. Natürlich auch den Tag der Arbeit. Noch viel mehr aber den 3. Mai 1945 und den 4. Mai 1938. Sie geraten allzu leicht in Vergessenheit – dabei eignen sie sich hervorragend als Mahnung und Motivation, in der Zukunft vieles besser zu machen als in Teilen der Vergangenheit.

Genießen Sie den Anfang des Mai. Genießen Sie das Wetter und genießen Sie die freien Tage. Aber nehmen Sie sich auch die Zeit und denken Sie zurück an früher, an unsere Geschichte, an unser historisches Erbe. Dann wird der nächste Blick auf das Kalenderblatt des 1., 3. oder 4. Mai einen echten Mehrwert haben.

Ihr
Gerd Schwandner