Kolumne des Oberbürgermeisters (30. März 2010)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

in diesem Jahr waren wir spät dran: Am 22. März – zwei Tage nach dem kalendarischen Frühlingsbeginn – fand das 53. Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten statt. Allerdings nicht an der Hunte, sondern an der Spree. Genauer gesagt: In der Vertretung des Landes Niedersachsen beim Bund. Also: Mitten in Berlin. Der Hauptstadt der Currywurst. Mithin: In der kulinarischen Diaspora.

Trotzdem haben wir einen Lkw mit den 4K beladen – Kohl, Kasseler, Kochwurst, Korn – und sind etwa 450 Kilometer ostwärts gefahren. Warum tun wir so etwas? Was haben wir Oldenburger in Berlin verloren? Treibt uns missionarischer Eifer? Oder ist das nur eine verrückte Idee? Nein. Es steckt mehr dahinter. Es geht nicht darum, den Grünkohl als ganzjähriges Nationalgericht zu etablieren – sondern darum, Kontakte zu knüpfen, Netzwerke aufzubauen, Beziehungen zu vertiefen und Gespräche zu führen. All das funktioniert prächtig. Das Kohlessen macht den Namen Oldenburg in Berlin bekannt – und es richtet sich an die richtigen Adressaten. Nämlich an hochrangige politische Vertreter von Land und Bund. Feine Pinkel für feine Pinkel also? Nur auf den ersten Blick. Die politische Klasse ist bei unseren Essen nämlich gänzlich uneitel, stattdessen sehr locker und gelöst. Alle kommen gern und bleiben lang. Denn: Oldenburger Grünkohl und Oldenburger Gastfreundschaft – das ist eine unschlagbare Kombination!

Das ist der springende Punkt. Beim Gröönkohl-Äten zeigen wir uns von unserer besten Seite: sympathisch, freundlich, humorig. Außerdem beweisen wir einen kreativ-konstruktiven Umgang mit unseren Traditionen. Deshalb ist das Essen ein Marketing-Instrument vom Feinsten. Oder: Lobbyismus in seiner positivsten Form. Weder die Württembergerin Annette Schavan noch der Franke Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg hätten eine tiefere Beziehung zu Oldenburg aufgebaut, wenn sie unseren Königstitel nicht getragen hätten bzw. tragen würden. Frau Schavan hat in ihrer Abschiedsrede überaus glaubwürdig dargestellt, dass Oldenburg ihr regelrecht ans Herz gewachsen ist. Ganz abgesehen davon, dass mich so etwas grundsätzlich freut, könnte uns das bei der Schärfung unseres wissenschaftlichen Profils noch sehr nützlich sein. Von einem Verteidigungsminister dürfen wir Oldenburger wohl weniger direkte Impulse erwarten. Fest steht aber, dass „KT“ in der deutschen Politik langfristig eine Rolle spielen wird. In welcher Funktion auch immer. Es wird nicht schaden, wenn er mit dem Namen Oldenburg etwas anzufangen weiß. Und dafür haben wir gesorgt.

Berlin war in diesen Tagen aber noch aus einem anderen Grunde interessant. Dort hat am 25. März auch die Staffelübergabe für die Stadt der Wissenschaft stattgefunden. Mehr als zwei Jahre (!) nach unserer Ernennung vom 28. Februar 2008 müssen wir nun also endgültig den Weg für eine andere Stadt freimachen. Und zwar für Mainz. Ein respektabler Nachfolger – wenn man bedenkt, dass es sich dabei um die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt handelt, die eine ganze Ecke größer als Oldenburg ist und zudem schon 1477 Universitätsstadt wurde.

Das Spannendste an dem Wettbewerb war der Vergleich zu unserer eigenen Bewerbung. Wir haben 2008 starke Konkurrenz wie z.B. Konstanz, Lübeck und Heidelberg ausgestochen. Doch wie würde unser Programm in Bezug auf die Kandidaten für 2011 wirken? Ich war sehr gespannt darauf. Und ich durfte feststellen: Unsere Chancen wären auch dieses Mal gut gewesen. Zwar haben die Kandidaten – neben Mainz waren das Bielefeld und Chemnitz – attraktive Konzepte entwickelt. Es war aber nichts grundlegend Neues darunter, was sie deutlich von uns abgehoben hätte. Im Gegenteil: Ich hatte den Eindruck, dass sich einige Finalisten von uns haben inspirieren lassen. Ich werte das als Kompliment und Bestätigung. Wir dürfen stolz darauf sein. Denn: Sie hätten es nicht getan, wenn sie nicht in irgendeiner Form beeindruckt gewesen wären. Und das will was heißen. Schließlich forschen in Mainz, Bielefeld und Chemnitz auch keine Anfänger.

Ich wünsche unserer Nachfolgerin, dass der Titel dort ähnlich positive Effekte haben wird wie bei uns. Auf eines müssen die Mainzer dabei aber verzichten: Auf das Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten. Nicht zuletzt dank dieser Veranstaltung gelten wir in Berlin nicht einfach als „irgendeine“ weitere Stadt, die technologisch was auf dem Kasten hat. Wir fallen aber zusätzlich durch unsere charakteristischen Merkmale und sympathischen Einzigartigkeiten auf. Erst dadurch entsteht das Bild einer Stadt – nicht nur das eines Standortes. Ich freue mich über beides gleichermaßen: Über unsere starke Position in Forschung und Wissenschaft – und über unser Profil als eine Stadt mit liebenswerten Ecken, Kanten und Traditionen. Ich bin sicher, dass wir mit dieser Mischung in Zukunft noch viel Erfolg haben werden. An der Hunte. An der Leine. Und an der Spree.

Ihr
Gerd Schwandner

Oberbürgermeister

PS: Ich wünsche Ihnen allen ein schönes Osterfest!