Kolumne des Oberbürgermeisters (5. November)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

seit über zehn Monaten sind wir die Stadt der Wissenschaft. Man gewöhnt sich dran. Immer seltener fragen wir uns, wie das überhaupt möglich war. Deshalb erinnere ich einfach noch einmal: Es waren die Menschen, die das möglich gemacht haben. Es waren unsere Nachbarn und Kollegen, unsere Freunde und Bekannte. Es waren wir selbst.

Das ist eine erfreuliche Feststellung. Allerdings bringt sie auch Verantwortung mit sich. Schließlich ist es kein Naturgesetz, dass wir über viele Talente verfügen. Unsere Arbeitswelt (ob Forschung oder nicht) erntet nur die Früchte des Bildungssystems. Damit dieses System überhaupt funktionsfähig bleibt und Früchte produziert, müssen wir ständig neue Saat ausbringen. Nur, wenn diese keimt, wächst und gedeiht, gibt es später was zu ernten. Und diese Saat ist die Bildung.

Bildung? Ist das nicht Sache der Schulen? Ja. Auch. Aber nicht nur. Die gesamte Gesellschaft ist gefragt, die Weichen richtig zu stellen. Und wir sollten das nicht als Last begreifen, sondern als eine spannende und inspirierende Aufgabe. Was könnte schöner – und wichtiger – sein, als ein Kind dabei zu begleiten, eine gute Entwicklung zu nehmen? Wenig. Oder gar nichts? Entscheiden Sie selbst.

Die Stadt Oldenburg unterstützt diese gesellschaftliche Aufgabe auf vielfältige Weise. Eine wichtige Funktion übernehmen dabei zwei Veranstaltungen, die in jedem November in vielen Kinder- und Elternkalendern besonders dick markiert sind. Die Kinderbuchmesse KIBUM – und die Verleihung des Kinder- und Jugendbuchpreises.

Wer die KIBUM besucht, wird sich ihrer Magie kaum entziehen können. Und mit dieser Magie meine ich nicht die Räumlichkeiten, nicht die Präsentation, nicht das Ambiente (obwohl das alles sehr stimmig ist). Damit meine ich das Verhalten der kleinen Leserinnen und Leser. Auf der KIBUM zeigt sich, dass Kinder ein natürliches Interesse an Büchern haben. Sie stürzen sich auf sie, tragen sie zusammen und behüten sie wie kleine Schätze. Das ist faszinierend zu beobachten. Und es zeigt: Bücher sind kein Relikt von Vorgestern. Sie sind nichts, was man durch elektronische Medien ersetzen könnte. Bei Erwachsenen nicht. Und bei Kindern schon gar nicht.

Die KIBUM ist eine große Begegnungsstätte. Bücher und Kinder, Kinder und Bücher – in tausendfacher Variation. Jedes Jahr treffen zirka 35.000 Besucher auf zirka 2500 neue Werke aus mehr als 250 Verlagen. Das Potenzial dieser Kombination ist nur zu erahnen. Fest steht: Auf der KIBUM wurden zahllose Grundsteine für dauerhafte Lesekarrieren gelegt. Und es gibt wenig, das wichtiger sein könnte. Nur wer Spaß am Lesen hat, verspürt auch Freude daran, Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten. Und diese Kompetenz ist in der Schule genauso gefragt wie im Arbeitsleben.

Der Kinder- und Jugendbuchpreis wirkt auf einer anderen Ebene, ist aber ähnlich wertvoll. Seine Aufgabe ist es, gute Autorinnen und Autoren zu entdecken und zu fördern. Denn es ist ja nicht so, dass ein Buch allein aus Kindern kluge Köpfe macht. Es müsste sich schon um ein gutes Buch handeln. Und am besten um viele gute Bücher. Die fallen allerdings nicht vom Himmel. Deshalb ist es wichtig, gute Autoren zu präsentieren und auszuzeichnen. Schließlich sollen sie weiterhin gute Arbeit leisten – und anderen als Vorbild dienen. Damit wir unsere Kleinen auch morgen und übermorgen mit wertvollem Lesestoff versorgen können.

Eine Stadt der Wissenschaft hat nicht nur die Forschung im Blick, sondern ihre gesamte Entwicklung. Ich freue mich zwar, wenn das Land in die Universität investiert, wenn die Fraunhofer-Gesellschaft eine Forschergruppe ansiedelt oder wenn Oldenburger Unternehmen wie die EWE ein Forschungszentrum finanzieren. Ich freue mich aber genauso sehr, wenn wir Schulen ausstatten und renovieren können, wenn wir in Oldenburg Bildungskonferenzen veranstalten und wenn viele junge Gäste die KIBUM besuchen. All das trägt dazu bei, dass wir nicht nur ein „Forschungsstandort“ oder ein „Schulträger“ sind – sondern eine Übermorgenstadt, die Talente, Technologie und Toleranz in den Mittelpunkt rückt.

Nur wenn wir alle Bereiche bespielen – von der frühkindlichen Erziehung über gute Bildung und Ausbildung bis hin zu akademischen Abschlüssen und adäquaten Arbeitsplätzen – können wir unserem Anspruch gerecht werden, ein zukunftsfähiger Standort zu sein, der seinen (kleinen und großen) Einwohnern Chancen und Perspektiven eröffnet. Und das gelingt uns immer mehr.

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister