Kolumne des Oberbürgermeisters (6. März)

Liebe Oldenburgerinnen, liebe Oldenburger,

sicher haben Sie es längst gehört: Am vergangenen Dienstag wurde unsere Neubürgerversammlung von einigen Vermummten gestört. Die Gruppe betrat wortlos den Saal, feuerte mehr oder weniger erfolgreich zwei Torten auf mich ab und verschwand so schnell wie sie gekommen war. Für Außenstehende mag das amüsant wirken. Eine Torte ins Gesicht – ein clownesker Slapstick? Stan Laurel und Oliver Hardy wurden vor achtzig Jahren weltberühmt damit. Alles halb so schlimm. Oder doch nicht?

Nein. Es ist schlimm. Die Aktion hat auf zwei Ebenen Schaden angerichtet: Auf einer persönlichen und auf einer sachlichen. Die persönliche betrifft mich selbst. Äußerlich hatte es den Anschein, als sei ich mit dem Schrecken davongekommen. Das habe ich auch selbst gedacht. Schließlich habe ich keine Verletzungen davongetragen. Auch der Sachschaden hielt sich in Grenzen: Es blieb bei einem verschmutzen Anzug. Aber sind diese Dinge eigentlich wichtig? Nein, sind sie nicht. Anzüge kann man reinigen. Das funktioniert mit der Psyche aber nicht so einfach. Ich würde gerne behaupten, dass diese Angelegenheit ohne Rückstände an mir abgeperlt ist. Aber das ist sie nicht.
Inhaltlich macht mir die stupide Aktion der geistlosen Aktivistenclique wenig aus. Mal abgesehen davon, dass man eine Torte kaum als politisches Statement werten kann, hatte auch der Begleittext wenig Erhellendes zu bieten. Offensichtlich sind der Gruppe ihre eigenen Themen nur oberflächlich bekannt. In manchen Fällen war ich schlichtweg der falsche Adressat. Blankenburg ist immer noch Angelegenheit des Landes. Für die Busfrequenz dorthin ist die VWG zuständig. Und für die Gattung der Yuppies (wer sagt denn noch Yuppies?) kann ich auch nichts. In der Recherche sind der Gruppe mehr Irrtümer unterlaufen, als man von einem durchschnittlichen Viertklässler erwarten dürfte. Ein Indiz dafür, dass es den Mitgliedern nicht so sehr darum geht, tatsächlich etwas zu bewegen, sondern vielmehr darum, sich selbst in der Presse wiederzufinden. Dafür sorgte die Gruppe ja auch selbst, indem sie die Aktion filmte. Wie eitel ist das? 90 Prozent der Zugriffe werden die Überflüssigen selbst erklickt haben. Ein scheinbarer Erfolg.

Die Aktion kommt inhaltlich dünn daher. Deswegen ist die Tat auch keineswegs als eine Fortsetzung der politischen Diskussion der letzten Wochen zu verstehen. Sie ist antipolitisch. Sie ist feige und schäbig. Sie als Ausdruck einer Willensbildung zu verstehen, wäre eine Beleidigung für alle, die tatsächlich Überzeugungen besitzen.

Die Oldenburger haben keine Sympathien für die Unkultur anonymer Attacken. Das wird in diesen Tagen mehr als deutlich. Ich bekomme unglaublich viel Bestätigung aus der Bevölkerung – in Form von E-Mails, Briefen, Postkarten, Anrufen. Dafür bedanke ich mich herzlich. Diese Unterstützung kommt übrigens aus allen Kreisen der Gesellschaft, auch von Mitgliedern aus der so genannten „linken Szene“. Das zeigt die Isolation der Gruppe. Sie hat sich mit ihrer Tat selbst ins Abseits manövriert. Ihren inhaltlichen Zielen (sofern es welche gibt) dürfte der Auftritt deshalb eher geschadet als genutzt haben.

Was erschwerend hinzukommt: Der Tortenwurf traf nicht allein mich – er traf alle Oldenburgerinnen und Oldenburger. Er traf auch die Stadt selbst und schädigte sie innerhalb und außerhalb unserer Stadtgrenzen. Der „Stil“ dieser „Aktivisten“ ist undemokratisch und ehrverletzend. Oldenburg hat Schaden genommen, weil eine kleine Gruppe sich wichtiger nahm als die 160.000 Einwohner unserer Stadt. Die Bevölkerung wird diesen klaren Affront gegen unsere gemeinsamen Werte nicht hinnehmen. Dies zeigen mit die vielen Briefe und Unterstützungsmails, die ich erhalten habe. Ich rechne fest damit, dass die nächste Aktion der Überflüssigen zu Reaktionen motiviert. Die Chaoten werden Gegenwind bekommen. Mal sehen, ob ihnen ihre Auftritte dann immer noch Spaß machen.

Übrigens: So unverschämt, verletzend und schädlich die Aktion auch war – man muss sie ein Stück weit relativieren. Sie ist kein Oldenburger Phänomen, sondern Teil eines globalen Trends. Immer mehr solche Guerilla-Aktivitäten werden über das Internet geplant und organisiert. Dabei überlagert der Eventcharakter die inhaltliche Botschaft mittlerweile deutlich. Es geht ums Auffallen, um die Selbstdarstellung. Das Ganze ist ziemlich eitel – und benutzt politische Ziele nur noch als Feigenblatt für selbstverliebte Abenteuer. Was das angeht, sind die Aktionen der Überflüssigen – frei von jeder Ironie – tatsächlich überflüssig.

Ihr Gerd Schwandner
Oberbürgermeister