Kolumne des Oberbürgermeisters (6. Oktober)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

sie ist in aller Munde: die erste „programmatische“ Rede unseres neuen Bundespräsidenten Christian Wulff. Kein Wunder, schließlich hatte er einen besonderen Termin dafür ausgewählt: den zentralen Festakt zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit. Viel mehr Aufmerksamkeit kann man innerhalb unseres Landes kaum bekommen. Und in diesem Fall muss man feststellen: berechtigerweise. Denn die Rede war für das ganze Land – und für unsere gemeinsame Zukunft – von großer Bedeutung.

Die inhaltliche Qualität beginnt bereits mit der erweiterten Interpretation des Tags der Deutschen Einheit. Denn „Einheit“ ist kein Synonym für die Verständigung zwischen Ost und West. Selbstverständlich bezieht sich der Feiertag am 3. Oktober genau darauf. Jedoch würde es zu kurz greifen, wenn man unter „Einheit“ nur geographische Bezüge verstehen würde. So wichtig diese Perspektive auch ist: Die Aufgabe, eine deutsche „Einheit“ zu schaffen, ist sehr viel komplexer. Sie umfasst nicht nur West und Ost oder Nord und Süd. Sie umfasst auch – und genauso sehr – das Miteinander verschiedener Nationalitäten, Kulturen, Religionen, Gesinnungen, Geschmäcker, Verhaltens- und Denkweisen. Eine Einheit werden wir erst dann, wenn die Menschen sich als Individuum im Kollektiv begreifen. Das heißt: Wenn sie ihren eigenständigen Charakter bewahren – und gleichzeitig die Normen und Werte der Gesellschaft akzeptieren und respektieren.

Mit seiner Rede hat Christian Wulff ein Leitthema für Deutschland definiert, das wir in Oldenburg schon länger auf der Agenda haben: die Integration. Das Wort kommt übrigens vom lateinischen „integrare“ – was soviel bedeutet wie „ein Ganzes machen“ oder „eine Einheit formen“. Deswegen war dieses Thema beim Tag der Deutschen Einheit sehr gut aufgehoben. Die seriöse Aufarbeitung durch eine gesellschaftliche Instanz war überfällig. Schließlich lief die öffentliche Debatte in den letzten Wochen etwas unrund. Dabei geht es bei der Integration um nicht weniger als das Gestalten unserer Gesellschaft – für eine friedliche gemeinsame Zukunft, zu der alle sich eingeladen fühlen sollen. Sie ist keine lästige Pflicht, sondern eine willkommene Aufgabe, die Lust machen und Begeisterung wecken sollte. Deshalb müssen wir Integration so darstellen, wie sie wirklich ist: positiv, wertvoll, bereichernd. Und zwar für alle Beteiligten. Letztlich ist es eine simple Verschiebung von Verben. Unser Gedanke darf nicht sein: Wir müssen integrieren. Unser Gedanke muss sein: Wir dürfen integrieren. Und die Migrantinnen und Migranten sind herzlich eingeladen mitzugestalten.

Obwohl es in Oldenburg eine große Zahl von Initiativen und Projekten gibt, und obwohl viele Bürgerinnen und Bürger sich im Alltag tolerant verhalten, lohnt es sich, dieses Thema immer wieder zu betonen. Denn so viel wir auch tun: Genug ist es erst, wenn wir damit alle Teile der Bevölkerung erreichen – und wenn die gegenseitige Toleranz fest in der alltäglichen Normalität verankert ist. Und davon sind wir – so ehrlich müssen wir sein – auch in Oldenburg noch ein Stückchen entfernt. Doch das begreife ich nicht als Problem, sondern als interessante und attraktive Aufgabe. Und die werden wir gemeinsam lösen. Schließlich arbeiten wir schon daran; und das nicht erst seit gestern. Vor vier Jahren haben wir „Toleranz“ als eines von insgesamt nur vier Top-Themen für unsere Zukunftsstrategie definiert. Wir nehmen damit Bezug auf den US-Ökonomen Richard Florida. Er hat festgestellt, dass sich diejenigen Gesellschaften besonders gut entwickeln, in denen die Toleranz stark ausgeprägt ist. Außerdem halte ich es für selbstverständlich, dass man allen Menschen eine möglichst umfangreiche gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Deshalb haben wir kürzlich einstimmig ein ambitioniertes Integrationskonzept beschlossen, an dem alle Parteien und – wichtiger noch – viele betroffene Akteure beteiligt waren. All diese positiven Entwicklungen werden auch außerhalb der Stadt wahrgenommen. Es ist kein Zufall, dass in den letzten Jahren mehrere große Tagungen zum Thema Integration in Oldenburg stattgefunden haben; zuletzt die Bundeskonferenz der Integrationsbeauftragten. In diesem Jahr werden wir als Stadt zudem am Integrationsgipfel der Bundeskanzlerin teilnehmen. Unsere Stadt gilt als vorbildlich. Ich bin sehr stolz darauf – und freue mich zusammen mit der gesamten Oldenburger Bevölkerung über unsere gemeinsamen Erfolge in diesem Bereich.

Was nehmen wir also mit aus der Rede des Bundespräsidenten und aus seiner Verbindung von Einheit und Integration? Zweierlei: Erstens den individuellen Auftrag an jeden von uns, in unserem Denken und Handeln dazu beizutragen, dass unsere Gesellschaft ein lebenswerter Ort für alle sein kann. Und zweitens die Bestätigung, dass wir uns in Oldenburg auf einem hohen Niveau mit Themen beschäftigen, die gesellschaftlich, politisch und auch menschlich immer größere Bedeutung gewinnen: Integration und Toleranz.

Wichtig ist nicht, woher wir kommen.
Wichtig ist, wohin wir wollen.
Nämlich: in eine gute – gemeinsame – Zukunft!

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister