Kolumne des Oberbürgermeisters (8. November)

Liebe Oldenburgerinnen, liebe Oldenburger,

was verbinden wir mit dem beginnenden November? Die Tage werden kürzer, die Temperaturen sinken – und es wird ungemütlicher als in den Monaten davor. Wenn ich aus dem Fenster schaue, bestätigt sich das: Nieselregen tröpfelt gegen die Scheibe. Und der Himmel ist schon jetzt – am frühen Nachmittag – so dunkel, als wäre es später Abend. Typisch November eben.

Kein Wunder, dass viele Menschen in diesen Tagen lieber zu Hause bleiben, als zu großen Abenteuern aufzubrechen. Aber viele heißt nicht alle. Längst nicht alle. Es sind nämlich verwegene Gestalten unter uns, die sich von Wind und Wetter oder trüber Stimmung nicht aufhalten lassen – und gerade jetzt, Anfang November, auf eine spannende Entdeckungsreise gehen. Sind das Verrückte? Unverbesserliche? Nein, gar nicht. Es sind unsere Kinder – und ihre Reise geht ins Land des Lesens.

Am 8. November hat die Oldenburger Kinder- und Jugendbuchmesse KIBUM zum 34. Mal ihre Pforten geöffnet. Das Kulturzentrum PFL erlebt ausgerechnet im November die turbulenteste Phase des Jahres: Es wird zu einem Treffpunkt und Tummelplatz für die kleinen Oldenburgerinnen und Oldenburger. Über 2.000 Bücher – und zahlreiche „Extras“ – warten auf die jungen Besucher, begeistern sie und ziehen sie in ihren Bann. Es ist faszinierend zu beobachten, welche Reaktionen gedruckte Bilder und Worte bei Kindern auslösen können. Wir Älteren sind entweder zu cool oder zu kultiviert, um das in dieser Form zu zeigen. Kinder haben diese Scheu zum Glück noch nicht – und geben den Büchern die Wertschätzung, die sie eigentlich verdienen. Der November hat also sehr wohl ein Glanzlicht zu bieten, das seine trübe Umgebung erhellt. Es ist ein schöner, ein bunter, ein lauter Kontrastpunkt zur allgemeinen Besinnlichkeit.

Aber ist diese Messe so wichtig, dass sie in einer Kolumne auftauchen muss? Ja, ist sie! Die KIBUM stellt Bücher nicht einfach nur aus. Sie leistet etwas viel Wichtigeres: Sie ermuntert zum Lesen. Wer keine natürliche Lesebegeisterung in sich trägt, kann – und wird – sich im PFL vom Lesevirus infizieren lassen. Und das ist ohne Zweifel der beste „Virus“, den man sich einfangen kann. Auf dem Weg zu einem „denkenden Menschen“ kommt man am gedruckten Wort nicht vorbei.

Lesen schafft nicht nur Wissen, es formt auch Menschen. Es formt den Geist. Und es lehrt, das Gelesene weiterzudenken, mit eigenen Gedanken zu verbinden und neue Ideen daraus zu formen. Als Impulsgeber für eigene Kreativität und eigene Meinungen ist das Lesen unverzichtbar. Und wenn das Lesen unverzichtbar ist, dann ist es auch die KIBUM!

Und noch etwas: Spätestens seit dem Erfolg von Harry Potter und seiner Epigonen überschwemmen die Verlage den Markt mit Kinder- und Jugendliteratur. Mehrere tausend Werke erscheinen in einem einzigen Jahr. Ich will nicht behaupten, dass die Qualität im Zuge dessen gesunken ist. Sie ist aber definitiv schwerer zu finden. Die KIBUM übernimmt deshalb die Rolle eines Wegweisers, der uns in dem enormen Angebot zu denjenigen Werken führt, die es zu entdecken lohnt. Das ist auch deshalb wichtig, weil gute Kinder- und Jugendliteratur viel Positives bewirken kann. Sie berührt die jungen Leserinnen und Leser in einem Alter, in dem die wesentlichen Weichenstellungen des Lebens noch vor ihnen liegen – und wo sich dementsprechend noch vieles bewegen und gestalten lässt. Bücher helfen dabei, den richtigen Weg durch das Dickicht der Welt zu finden. Und die KIBUM hilft dabei, die richtigen Bücher zu finden.

Ganz nebenbei leistet die Messe noch etwas anderes: Sie macht ganz hervorragende Werbung für Oldenburg. Dabei geht es nicht darum, dass unser Name möglichst oft in der Presse auftaucht. Es geht um das Zeichen, das von hier ausgeht. Und das besagt: In Oldenburg gibt es ein Gespür für gute Literatur – und es wird Wert darauf gelegt, Kinder an sie heranzuführen. Wenn man sich ein Standort-Image wünschen dürfte, dann doch eines, das Künstler und Kreative genauso einschließt wie Kinder und Jugendliche. So wie es hier der Fall ist.

Ich könnte hier noch viel Positives über die KIBUM schreiben. Um ihren Stellenwert wirklich erfassen zu können, muss man aber einfach mal dort gewesen sein. Mein Tipp lautet deshalb: Hingehen! Der November mag kalt, dunkel und ungemütlich sein. Aber wenn die Kleinsten sich davon nicht aufhalten lassen – warum sollten wir das tun?

Ihr Gerd Schwandner
Oberbürgermeister