Kolumne des Oberbürgermeisters (8. Juni)

Liebe Oldenburgerinnen, liebe Oldenburger,

es gibt Momente im Leben, da ist man fassungslos. Man beobachtet bestimmte Dinge, man nimmt sie bewusst wahr – aber man kann sie trotzdem nicht glauben. Am ersten Samstag im Juni ging es fast 12.000 Menschen so. Sie alle befanden sich am gleichen Ort, sahen dieselben Dinge – und waren ausnahmslos erschrocken und konsterniert.

Was war passiert? Das entscheidende Relegationsspiel zur Regionalliga zwischen dem VfB Oldenburg und dem Goslarer SC war gerade beendet worden. Das Ergebnis ist bekannt: Der VfB hat 1:2 verloren, der Traum vom Aufstieg war geplatzt. Das war ärgerlich, sogar mehr als ärgerlich. Eine erfolgreiche Saison lag auf einmal in Trümmern. Trauer machte sich breit. Was mehr als verständlich ist. Einige verarbeiteten das Erlebnis jedoch anders. Sie verwandelten ihre Enttäuschung in destruktive Emotionen wie Wut und Hass. Schlimmer noch: Sie beließen es nicht dabei. Sie stürmten das Spielfeld, attackierten unsere Gäste (nicht Gegner!) aus Goslar und lieferten sich wüste Prügeleien. Später ging dieses unschöne Schauspiel auf dem Marschweg und am Stau weiter. Genau dort, wo eigentlich eine fröhliche und ausgelassene Feier geplant war. Welch bittere Ironie.

Der 6. Juni 2009 hätte der Startschuss für eine neue Ära des Oldenburger Fußballs werden sollen. Er endete in einem Fiasko. Es gab nur Verlierer. Den VfB – weil ihm der Aufstieg misslang. Die Fans – weil einige Unverbesserliche ihr gutes Image beschädigten. Die Gäste – weil sie sich über ihren verdienten Sieg kaum freuen konnten. Und Oldenburg – weil unsere offene und tolerante Stadt zu einem Ort der Aggression und Gewalt wurde. Die Chaoten haben unseren guten Ruf beschmutzt. Das müssen wir jetzt mühsam reparieren.

Der Schrecken sitzt bei vielen auch einige Tage nach den Vorfällen noch tief. Oldenburg sollte aber weder in Schockstarre verfallen, noch zur Tagesordnung zurückkehren. Wir müssen aus diesem Tag Lehren ziehen. Ich möchte den Gästetrainer Goran Barjaktarevic zitieren. Er sagte nach dem Spiel: „Wir haben in dieser Saison nie den gleichen Fehler ein zweites Mal gemacht“. Daraus können wir lernen.

Ich gehe davon aus, dass wir solche Szenen, wie wir sie im Marschwegstadion mit ansehen mussten, in Oldenburg zum ersten und zum letzten Mal erlebt haben. Wir werden die Geschehnisse als einen Weckruf interpretieren. Und als Erinnerung daran, dass es leider nicht ausreicht, Toleranz in einem Stadtentwicklungskonzept zu verankern. Wir haben das getan. Sie bildet eine der drei Säulen unserer Vision der Übermorgenstadt. Acht Buchstaben auf einem Stück Papier bleiben allerdings acht Buchstaben auf einem Stück Papier – solange man den Gedanken nicht auch lebt. Jeden Tag. Und bei jeder Gelegenheit.

Das Thema Toleranz betrifft nicht nur den Umgang mit Menschen aus fremden Ländern und Kulturen. Es ist Grundvoraussetzung für das gesamte Zusammenleben in unserer Stadt. Es umfasst Werte und Tugenden wie Gegenseitigkeit, Solidarität, Gastfreundschaft – und Fairness. Am Samstag mussten wir erkennen, dass wir in unseren Bemühungen noch nicht so weit sind, wie wir es uns erhofft hatten. Wir mussten erkennen, dass wir auf unserem Weg noch viele Schritte zu tun haben. Und dass wir darauf achten müssen, alle – wirklich alle – Teile der Gesellschaft mitzunehmen.

Es wartet also noch Arbeit auf uns. Aber beklagen wir uns nicht. Verstehen wir sie als Aufgabe und als Herausforderung. Dann wird Oldenburg in Zukunft wieder so in den Medien auftauchen, wie es in Wirklichkeit ist: Offen – tolerant – und fair.

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister


PS: In einem Brief an den Oberbürgermeister der Stadt Goslar habe ich dem GSC nicht nur zum Aufstieg gratuliert, sondern mich im Namen aller Oldenburgerinnen und Oldenburger für die Geschehnisse im Marschwegstadion entschuldigt. Ich bin sicher, damit auch in Ihrem Sinne gehandelt zu haben.