Kolumne vom 9. September 2011

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

am 8. September war der Weltalphabetisierungstag der UNESCO. Er findet jedes Jahr an diesem Datum statt. Ich halte ihn für eine gute Idee, denn das Problem ist wesentlich weiter verbreitet als man glaubt. Und damit meine ich nicht etwa Zentralafrika, wo die Quote der Lesenden bei unter 35 Prozent liegt. Damit meine ich Deutschland. Damit meine ich Oldenburg.

Dass Analphabetismus auch vor unserer Haustür ein Thema ist, wurde uns selten so deutlich vor Augen geführt wie in diesem Jahr. Im Vorfeld des Weltalphabetisierungstages wurde eine Studie zu funktionalem Analphabetismus veröffentlicht, die geradezu erschreckende Erkenntnisse lieferte. Dazu eine kurze Erklärung: Diejenigen Menschen, die unter funktionalem Analphabetismus leiden, können zwar einzelne Sätze lesen und schreiben, nicht jedoch zusammenhängende – auch kürzere – Texte. Das hindert sie daran, in vollem Umfang am Leben teilzunehmen und teilzuhaben. Und das wiederum ist etwas, das wir – als Gesellschaft – nicht akzeptieren dürfen.

Das Ergebnis der Studie hat es in sich. Demnach sind in Deutschland über 14 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung von funktionalem Analphabetismus betroffen. Das sind etwa 7,5 Millionen Erwachsene. Das klingt hoch. Sehr hoch. Zu hoch, um sich das tatsächlich vorstellen zu können. Deshalb übertrage ich diese Quote mal auf Oldenburg. Unsere Stadt hat derzeit ungefähr 163.000 Einwohner. Annähernd 110.000 von ihnen zählen zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 65. 14 Prozent davon – das sind 15.000 Menschen! Allein in unserer Stadt! Dieser Bezug zu einer alltäglichen Lebensumgebung verleiht den Zahlen eine ganz andere Wirkungskraft. Sie sind alarmierend. Wir dürfen zwar das Adjektiv „funktional“ nicht vergessen. Die meisten von uns haben irgendwann mal einen Text gelesen, bei dem sie an ihre Grenzen gestoßen sind. Diese Schwelle liegt bei den Menschen unterschiedlich hoch. Nun wissen wir: Es gibt viele, bei denen sie relativ niedrig liegt. Doch das macht die Ergebnisse nicht viel besser. Ihre Botschaft ist eindeutig; viel zu viele Menschen verlassen unsere Schulen ohne das nötige Rüstzeug für den Alltag. Eine traurige Bilanz.

Nutzen wir dieses Wissen als einen Schuss vor den Bug. Die Quote ist eine deutliche und dringliche Handlungsaufforderung. Nicht nur für Bund und Land, sondern auch für die Kommunen und für die weiteren Bildungsträger. Als solidarische, integrative Gemeinschaft können – und wollen! – wir es uns nicht erlauben, tausende Menschen in unserer Stadt von der Teilhabe auszuschließen. Und ich betone: Das ist keine Holschuld der Betroffenen. Es ist eine Bringschuld der Gesellschaft.

Man gewinnt heutzutage sicher keine Originalitätspreise mehr, wenn man als Politiker die Bedeutung von Bildung betont. Trotzdem gibt es hier keine Inflation. Wenn sich das Bildungs-Mantra ständig wiederholt, dann ist das vielleicht nicht spannend, es ist aber richtig/wichtig. Bildung ist tatsächlich das alles entscheidende Kriterium, wenn es darum geht, Menschen Zukunftsperspektiven zu verschaffen und Veränderungen zum Guten zu bewirken. Die Handlungsmöglichkeiten von Kommunen sind zwar beschränkt. Trotzdem haben wir diesem Thema unter dem Leitbegriff „Talente“ höchste Priorität eingeräumt. Wir werden weiter daran arbeiten, auch auf kommunaler Ebene Akzente in der Bildungspolitik zu setzen und die Situation in Oldenburg eigeninitiativ zu verbessern. Einzelkämpfermentalität ist in dieser Angelegenheit allerdings nicht gefragt. Bund, Land und Kommunen müssen gemeinsam agieren, um ihre Durchschlagskraft zu erhöhen. Wichtig ist zudem die Unterstützung durch die Kammern, Verbände und die Volkshochschulen. Erst gemeinsam können wir die bestmöglichen Ergebnisse erzielen. Und darum – allein darum – geht’s.

Wie gesagt: Die Ergebnisse der Studie zum funktionalen Analphabetismus waren ein Schuss vor den Bug. Es ist zwar nicht erwiesen, dass der Anteil in Oldenburg auf dem Bundesniveau liegt. Solange aber keine fundamentalen Gründe dafür vorliegen, von niedrigeren Quoten auszugehen, werde ich mit dem vorliegenden Szenario arbeiten. Und selbst wenn es bei uns viel besser aussähe, stünde eines immer noch felsenfest: Bildung bleibt das Zukunftsthema Nummer eins. Für jedes Alter, auf jedem Niveau, unter allen Umständen.

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister