Kolumne vom 19. Dezember 2006

Liebe Oldenburgerinnen, liebe Oldenburger,

manchmal unterschreitet die Halbwertzeit von Kolumnen die Zeitspanne einer vollen Woche deutlich. Noch am Freitag musste ich an dieser Stelle feststellen, dass die Verhandlungsergebnisse mit der ECE zu wünschen übrig ließen und eine Umsetzung der Pläne – wie sie sich zu jenem Zeitpunkt darstellten – nicht verantwortbar war. Sie verstießen gegen denkmalschutzrechtliche Belange, gegen eine maßstäbliche Nutzung und gegen das ästhetische Empfinden vieler Oldenburgerinnen und Oldenburger. Gleichzeitig habe ich aber betont, dass eine Fortsetzung der Gespräche jederzeit möglich sei, wenn auf der anderen Seite der Wille besteht, an einer konstruktiven Lösung mitzuarbeiten.

Was auch immer die Stadt Oldenburg auf dem Areal am Berliner Platz hätte realisieren wollen – es wäre stets auf einen Kompromiss hinausgelaufen. Wünschen kann man sich natürlich viel – es bedarf aber eines Partners, der diese Vorstellungen in die Realität überführt. Deshalb müssen die – manchmal gegensätzlichen, manchmal kongruierenden – Interessen der Stadt und des Investors zusammengeführt werden, ohne dass das Projekt für eine Seite unattraktiv wird. Genau das ist in den vergangenen Wochen geschehen.

Die Bedingungen für die Gespräche waren alles andere als ideal: Ein Einkaufszentrum mit einer Einzelhandelsverkaufsfläche von 15.300 qm war bereits genehmigt. Der Eigentumsübergang am Grundstück – von der Stadt zur ECE – fiel mitten in die Verhandlungsphase. Der teilweise künstlich erzeugte Zeitdruck war ebenfalls nicht gerade hilfreich. Vor diesem Hintergrund ist das neue Ergebnis erfreulich. Ich werde meine eigene Arbeit an dieser Stelle nicht bewerten, das überlasse ich neutralen Beobachtern (oder jenen, die sich dafür halten). Feststellen möchte ich jedoch, dass das erzielte Ergebnis eine deutliche Verbesserung gegenüber den ursprünglichen Planungen bedeutet. Ein „Koloss“ in der Form, wie er sich während der letzten Ratsperiode abzeichnete, wird nicht kommen. Das ist ein Erfolg.

Die am Freitag von mir erwähnte Quadratur des Kreises im Sinne eines Nonplusultra kann auch der aktuelle Entwurf nicht sein. Es nähert sich dem aber immerhin an. In der detaillierten architektonischen Ausgestaltung liegt die Chance, ein Ensemble zu schaffen, das sich zwar nicht verstecken lässt – das aber einerseits die baulichen Schandflecke der Sechziger Jahre beseitigt und andererseits die Formensprache der historischen Umgebung in einer modernen Fassung aufnehmen könnte – und damit nichts anderes ist, als eine deutliche Aufwertung des Areals. Von den ökonomischen Effekten und den Impulsen für den Arbeitsmarkt ganz zu schweigen. Es besteht die realistische Möglichkeit, die Schlosshöfe zu einem großen Gewinn für Oldenburg werden zu lassen. Deshalb halte ich die Umsetzung für einen richtigen Schritt.

Natürlich wird es nun Stimmen geben, die sich mit dem Ergebnis unzufrieden zeigen und auch die Schlosshöfe als „monströs“ geißeln. Ich will diese anderen Standpunkte nicht verurteilen, sondern die Gegner des Projekts einladen, an einer tragfähigen Lösung mitzuarbeiten. Während der Ratssitzung am Montag war vielfach davon die Rede, Gräben zuzuschütten. Ich verstehe dies als Beitrag zur „Entemotionalisierung“ der Debatte. Mit etwas weniger Aufgeregtheit als in den vergangenen Tagen lassen sich – auf dem Berliner Platz und anderswo – noch viele Dinge bewegen, die für Oldenburg wichtig sein werden.

Und nur darum geht es – um Oldenburg. Ich kann jeden verstehen, der das Bekannte bewahren möchte und Veränderungen zunächst zurückhaltend gegenübersteht; unsere Stadt muss bei alledem aber auch Schritte in Richtung Zukunft tun. Nicht auf Biegen und Brechen, aber auch nicht mit Zögern und Zaudern. Finden wir diesen Mittelweg, dann wird uns – gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern – sicherlich noch einiges gelingen. Und darauf freue ich mich.

Ihr Gerd Schwandner
Oberbürgermeister