Kolumne vom 21. September 2007

Liebe Oldenburgerinnen, liebe Oldenburger,

wenn man irgendwo auf der Welt nach Standortqualitäten fragt, dann wird häufig erstmal eine ganze Reihe Zahlen runtergerattert. Einwohnerentwicklung, Wirtschaftswachstum, Arbeitslosenquote und so weiter. All das gibt sicherlich den einen oder anderen Hinweis – aber das echte „Bild“ eines Standortes erhält man damit nicht.

Man kann eine Stadt sicherlich bis zu einem gewissen Grad quantifizieren. Aber dieses Muster von Kennziffern ergibt niemals ein Portrait, das der Realität auch nur annähernd nahe kommt. Und das liegt daran, dass es nicht die Maschinen, sondern die Menschen sind, mit denen jeder Ort steht und fällt. Sie sind es, die wirklich über seine Qualitäten entscheiden. Und haben Sie schon mal versucht, einen Menschen als eine Nummer darzustellen? Sicherlich nicht. Das kann nämlich niemand. Und daran krankt das System der Zahlen und Kennziffern.

Aus dem gleichen Grund beantworten auch viele Unternehmen die Standortfrage immer wieder falsch. Sie gehen dahin, wo die geringsten Hebesätze gelten oder die höchsten Subventionen winken – und nicht dorthin, wo die Menschen sich am wohlsten fühlen und wo Familien gemeinsam glücklich sind. Dabei sollten sie genau das tun. Und warum das? Ganz einfach: Der Großteil aller Arbeitnehmer – das Rückgrat der Unternehmen – rekrutiert sich aus Familien. Deshalb muss man ein Umfeld schaffen, in dem es sich nicht nur zu arbeiten, sondern auch zu leben lohnt. Arbeitnehmer dürfen sich nicht in der Tretmühle des Lebens gefangen fühlen, sondern sollten Spaß und Freude am Leben haben. Oder gibt es jemanden, der bei schlechter Laune besser arbeitet – außer einem Preisboxer vielleicht? Eben. Eigentlich ist es banal, man muss aber trotzdem immer wieder darauf hinweisen: Glück hat nicht nur einen persönlichen, sondern auch einen ökonomischen Nutzwert. Was gut für die Familie ist, das ist auch gut für die Unternehmen.

Außerdem gibt es einen weiteren Blickwinkel: Die Fähigsten von uns können sich in der Regel aussuchen, in welcher Stadt sie arbeiten wollen. Und wenn man in dieser glücklichen Situation ist – würde man dann eine Stadt wählen, die hässlich, unattraktiv, abweisend und anonym ist? Nein, mit Sicherheit nicht. Man würde dorthin gehen, wo das Gesamtpaket stimmt. Wo es also nicht nur ein starkes Unternehmen gibt, sondern persönliche Entfaltungsmöglichkeiten, interessante Wohnquartiere, kulturelle Vielfalt und so weiter.

Genau aus diesem Grund steht Oldenburg nicht gerade schlecht da, was den Wettbewerb um kluge Köpfe und fleißige Hände angeht. Wir haben eine gute Basis, von der aus wir uns zu einem echten Magneten für interessante Menschen entwickeln könnten. Sicher haben Sie schon einmal gespürt, dass es in unserer Stadt einen Zusammenhalt gibt, den man Großstädten eigentlich immer abspricht. Das hat mit dem Charakter unserer Stadt zu tun – und der ist in gewisser Hinsicht eher klein- als großstädtisch. Das mag Nachteile haben. In Sachen Urbanität zum Beispiel könnten (und sollten) wir uns noch weiterentwickeln. Das hat aber auch Vorteile. Zum Beispiel, dass es hier eine Kultur des Miteinander und der Gegenseitigkeit gibt. Oder dass man sich grundsätzlich erstmal mit Freundlichkeit begegnet statt mit Argwohn. Das mögen zwar Kleinigkeiten sein, aber sie tragen zum besonderen Lebensgefühl in Oldenburg bei. Und dass dieses Gefühl von hoher Qualität ist, darin sind sich Einheimische und Besucher einig. Es ist ein Markenzeichen unserer Stadt.

Das ist natürlich sehr erfreulich – es nutzt uns aber wenig, wenn keiner davon weiß. Deshalb wollen wir diese Oldenburger Kernkompetenz noch etwas bekannter machen. Ein Beispiel dafür: Die Stadt Oldenburg hat in diesem Jahr erstmals den Preis für Familienfreundlichkeit in Unternehmen – den „Olly“ – ausgelobt. Warum wir das getan haben? Nein, nicht um die Unternehmen zu dekorieren. Das ist nur ein Nebeneffekt. Wir wollten vielmehr zeigen, wie sehr man sich in Oldenburg um Familienfreundlichkeit bemüht. Was man sich einfallen lassen kann, um das zu erreichen. Und wie die Arbeitnehmer und das Arbeitsklima davon profitieren. Und dafür rücken wir gerne auch ein Unternehmen in das Rampenlicht. Denn wer den „Olly“ gewinnt – der hat es auch verdient, dort zu stehen. Das lässt sich nach Durchsicht der vielen Bewerbungen eindeutig sagen.

Darüber hinaus gibt es unzählige – und ich meine wirklich unzählige – weitere Einzelmaßnahmen, die alle gemeinsam das Bild einer sehr lebenswerten Stadt Oldenburg ergeben. Es gehört zwar zu einer gekonnten Selbstbeweihräucherung dazu, so etwas von sich zu behaupten. Allerdings hab ich nicht das Gefühl, dass ich in unserem Fall die Wahrheit sehr weit strecken muss. Im Gegenteil: Oldenburg schlicht und einfach als lebenswert zu bezeichnen – das ist eigentlich Understatement. In diesem Sinne: Freuen wir uns, dass wir an einem Ort wie diesem leben dürfen – und hoffen wir, dass noch viele Menschen den Entschluss fassen, es uns gleichzutun. Das wäre für alle ein Gewinn.


Ihr Gerd Schwandner
Oberbürgermeister