Kolumne vom 22. Februar 2008

Liebe Oldenburgerinnen, liebe Oldenburger,

an liebenswerten Kuriositäten ist unsere Region wahrlich nicht arm. Eine davon ist der entspannte (und bisweilen unorthodoxe) Umgang mit dem Wetter. In den ersten Monaten des Jahres ist es draußen nicht gerade besonders einladend. Entweder ist es zu kalt oder es ist zu nass – oder beides gleichzeitig. Aber bleiben echte Oldenburger deswegen zu Hause? Nein, im Gegenteil: Sie gehen noch mehr raus als sonst! An den Wochenenden stapfen sie in kleinen oder großen Gruppen durch die Landschaft, trotzen Wind und Wetter und haben sogar Spaß dabei. Für dieses irrationale Phänomen gibt es nur eine – dafür aber gute – Erklärung: Die Zeit der Kohlfahrten ist angebrochen.

Der obligatorische Marsch durch die Kälte gehört zu einer zünftigen Kohlfahrt einfach dazu. Schließlich will man ordentlich Hunger bekommen und sich auf eine warme Hütte freuen. Und so richtig genießen kann man eben nur, wenn man vorher auch ein bisschen „entbehrt“ hat. Wobei dieses Wort eine Übertreibung ist. Von wirklichen Entbehrungen kann eigentlich keine Rede sein. Die meisten Kohlfahrten sind heutzutage – dank Bollerwagen – besser ausgestattet als so manche Kneipe. Verdursten muss zumindest niemand. Mit der festen Nahrung sieht’s schon schlechter aus. Aber die gibt’s später am Abend dafür umso reichlicher, leckerer und nahrhafter. 

Etwas anders sieht es übrigens beim Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten in Berlin aus, das gerade zum 51. Mal stattgefunden hat. Natürlich werden auch dort Grünkohl und Pinkel serviert. Und wie es sich gehört, wird das Essen mit Bier und Löffeltrunk runtergespült. Ganz traditionell also. Ansonsten gibt es aber einige Unterschiede zu anderen Kohlfahrten. Ein Marsch zum Beispiel findet nicht statt. Das hat zwar den Nachteil, dass die Gäste ihren Hunger mitbringen müssen – allerdings auch den Vorteil, dass sie nüchtern erscheinen. Außerdem wird nicht getanzt, sondern geredet – was aber nicht heißt, dass es langweilig wird. Im Gegenteil: Die Beiträge sind locker und humorvoll. Und sie schaffen es immer wieder, den Oldenburger Grünkohl mit großer Politik zu verbinden. Ein gewagter, aber häufig gelungener Spagat.

Politik ist übrigens das entscheidende Stichwort: Darum geht es letztendlich beim Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten. Es ist zwar nicht so, dass man dort handfeste Projekte verabschieden würde. Aber der Weg dorthin wird durchaus mal geebnet. Eine persönliche Kontaktaufnahme, wie sie bei diesem Essen möglich ist, kann unbezahlbar sein.

Für das Image und den Stellenwert unserer Stadt ist das Kohlessen in Berlin von großer Bedeutung. Nur auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Betriebsausflug. Auf den zweiten ist es das wertvollste Marketinginstrument, das wir auf Bundesebene haben. Es ist ja kein Geheimnis, dass der Nordwesten in Vergangenheit und Gegenwart nicht unbedingt ganz oben auf der bundespolitischen Agenda stand bzw. steht. Und aus reiner Gutmütigkeit beschäftigt sich auch kaum jemand mit uns. Deshalb ist jeder Fuß, den wir in Berliner Türen setzen können, Gold wert. Und das Kohlessen ist – um mal im Bild zu bleiben – im Laufe der Jahre zu einem sehr großen und breiten Fuß geworden. Das zeigt sich besonders deutlich an der „Ahnengalerie“ der bisherigen Kohlkönige. Von Helmut Schmidt über Helmut Kohl, Joschka Fischer, Angela Merkel und Christian Wulff bis zur diesjährigen Majestät Frank-Walter Steinmeier liest sie sich wie ein Who-is-who der deutschen Politik. Letzterem gefiel es bei uns übrigens so gut, dass er länger blieb, als die Veranstaltung offiziell eigentlich dauern sollte – was man als Indiz dafür werten darf, dass wir einen ganz guten Eindruck hinterlassen.

Kontakte knüpfen, Netzwerke aufbauen, das offene Wort suchen – all das funktioniert beim Gröönkohl-Äten ganz hervorragend. Und die Gäste schätzen nicht nur das Essen, sondern auch die Veranstaltung und ihre Atmosphäre sehr. In vielen Redebeiträgen und Gesprächen hört man deutliche Sympathie für sie – und für Oldenburg – heraus. Zu diesen Gedanken und Äußerungen wäre es sicherlich nicht gekommen, wenn wir das Kohlessen nicht hätten. Und das macht es so wertvoll.

Kohlfahrten funktionieren also an allen Orten und auf allen Ebenen – im kleinen Kreis mit Freunden, Bekannten und Kollegen genauso wie auf großer Bühne mit politischer Prominenz in Berlin. Allerdings ist das auch kein Wunder – denn die Zutaten zu diesem Erfolgsrezept stimmen einfach. Nette Menschen, gute Stimmung, leckeres Essen und kühle Getränke – mehr kann man von einem gelungenen Abend wirklich nicht verlangen. Man muss sich also gar nicht wundern, dass wir Oldenburger umso häufiger draußen sind, je kälter es draußen wird. Wir haben ganz einfach gute Gründe dafür.

Ihr Gerd Schwandner
Oberbürgermeister