Kolumne vom 22. Dezember 2011

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

jetzt beginnt sie wieder: die Zeit, in der die Menschen vergeblich versuchen, die letzten zwölf Monate in wenige Worte zu fassen. Viele Jahresrückblicke beginnen mit dem Nachdenken darüber, wie schnell die Zeit vergangen ist. Ich hab das auch schon gemacht, zum Beispiel im letzten Jahr. Das ist zwar nicht sonderlich kreativ, es ist an dieser Stelle aber legitim. Das Nachdenken über die Zeit ist ein jährlich wiederkehrendes Ritual, das viele Menschen verbindet und bewegt. Es scheint also was dran zu sein, am Widerspruch zwischen gefühlter und tatsächlicher Zeit. Und das ist es auch.

Das lässt sich im Fall Oldenburgs auch erklären. Es gilt nämlich der Grundsatz, dass die Zeit gefühlt schneller vergeht, wenn viel passiert und unser Gehirn deshalb viele Informationen und Eindrücke verarbeiten muss. Dass wir das Gefühl haben, als sei erst ein kurzer Moment vergangen, seitdem wir das letzte Mal Silvester gefeiert haben, hat also nicht zuletzt mit der Entwicklung Oldenburgs zu tun. Wären wir ein fades, langweiliges Städtchen, dann würde ich diese Text wahrscheinlich damit einleiten, dass endlich, nach langem Warten, ein weiteres ödes Jahr vorbei ist. Sind wir aber nicht! Oldenburg entwickelt sich immer stärker zu einem überregional anerkannten Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort. Die traditionell hohe Lebensqualität bleibt dabei zwar erhalten; und mit ihr die sympathische Gelassenheit angesichts des eigenen Erfolgs. Dennoch: Die Zahl, Taktung und Geschwindigkeit der Entwicklungen und Geschehnisse nimmt weiter zu. Und die Zeit fliegt im Hintergrund vorbei.

Das ist mehr als nur ein subjektiver Eindruck. Bei dieser Entwicklung wird uns von objektiven Beobachtern eine hohe Dynamik attestiert. Ich denke dabei an die Städteteste der großen deutschen Wirtschaftsmagazine. Sie basieren auf offiziellem Datenmaterial, sind also empirisch fundiert. Zudem wurden sie nicht von den Magazinen selbst, sondern von unabhängigen Forschungsinstituten erstellt. Wenn eine Stadt also immer und immer wieder positiv abschneidet und wenn sich ein klarer Trend ablesen lässt – dann besitzen diese Ergebnisse Aussagekraft. Und das ist bei uns eindeutig der Fall.

  • Im Wirtschaftsmagazin Capital belegte Oldenburg im September unter den dynamischsten Städten Deutschlands Rang 3. Im Gesamtranking verbesserten wir uns übrigens von Platz 44 (2007) über Platz 34 (2009) auf Platz 24 (2011).
  • Die Wirtschaftswoche zog Anfang Dezember nach und sah uns bei der Dynamik ebenfalls bundesweit auf Rang 4.
  • Es passt ins Bild, dass uns der Zukunftsatlas des Handelsblatts in diesem Bereich schon im November 2010 unter 412 Städten und Kreisen auf Rang 11 einstufte. 
  • Focus Money sah uns Mitte Dezember bei ihrem Wirtschaftskraft-Ranking noch nicht in der Spitzengruppe. Gegenüber dem Vorjahr aber haben wir uns auch hier um 59 (!) Plätze verbessert, was ebenfalls für eine sehr hohe Dynamik spricht. Insgesamt liegen wir hier bundesweit auf Rang 87 (von 393), in Niedersachsen auf Rang 8 (von 40).

Das sind natürlich Momentaufnahmen. Zudem können wir uns nichts dafür kaufen. Aber: Diese Ergebnisse sind starke Bestätigungen für unseren Kurs und für unsere Leistungen. Und mit „uns“ meine ich uns alle: die Oldenburgerinnen und Oldenburger.

Man könnte jetzt versuchen, diese Entwicklung genau herzuleiten. Schließlich liegt das Material vor. Ich finde so eine Analyse aber schlichtweg zu langweilig für einen Jahresrückblick. So etwas muss unterhaltsam sein. Deshalb favorisiere ich einen groben Überblick, keine Fundamentalanalyse. Im letzten Jahr zum Beispiel hab ich nur einige Schlagwörter genannt, die stellvertretend für Ereignisse und Entwicklungen standen. Meist nur ein Wort, nicht mehr. In diesem Jahr würden sicherlich Begriffe auftauchen wie Fukushima – Arabischer Frühling – Plagiate… aber Halt. Ich möchte das nicht einfach wiederholen. Zumindest nicht 1:1. Stattdessen vielleicht in einer Variation – mit dem Fokus auf Oldenburg. Dann sähe die Liste vielleicht so – mit vielen schönen, leider aber auch sehr traurigen Momenten – aus:

Offizielle Einwohnerzahl 162.173 – Bauboom: Ev. Krankenhaus, Famo, Feuerwache I, Gesundheitsamt, Hafenpromenade, Offis, Schenker, Schlossplatz, Theaterwall, Vierol, und, und, und – European Energy Award in Gold – Hochhausdebatte – Schlosshöfe – Rabbinerin Alina Treiger – der Schulterschluss im Kampf gegen Bahnlärm – cre8 oldenburg – 16. Deutscher Präventionstag – Neue Sozialdezernentin: Dagmar Sachse – CSD Nordwest – European Medical School – Kultursommer – 29. Internationale Keramiktage – VfB (gewinnt beinahe) gegen den HSV – Start der dritten IGS – Stadtfest – Kommunalwahl – 18. Internationales Filmfest – Projekt 2014 der Weser-Ems-Halle – Solarparks Fliegerhorst und Tweelbäke – 404. Kramermarkt – Wiedereröffnung Staatstheater – der Tod von Ralf Briese – Oldenburg „Top 10“ bei Ökostrom – Seniorenservicebüro – „Studentenansturm“ an den Hochschulen – Neue Stadtbaurätin: Gabriele Nießen – Flüchtlingsunterkünfte – 37. KIBUM – Gesunde-Städte-Netzwerk – Lambertimarkt auf unserem neuen Schlossplatz – die perfide Schändung des Jüdischen Friedhofs und in deren Folge die einmütige Resolution gegen Rechtsradikalismus durch unseren Stadtrat – und last but not least der neue Integrationsausschuss –

Und außerdem: 1 Jahr Wilhelm13 – 10 Jahre HörTech, OTM und JVA – 15 Jahre Oldenburg Tafel – 20 Jahre OFFIS und Cadillac – 25 Jahre Karnevalsverein Blau-Rot – 30 Jahre Casablanca – 40 Jahre KDO – 50 Jahre CEWE COLOR – 75 Jahre GUV – 90 Jahre Ollnborger Kring und Chorgemeinschaft Harmonie – 125 Jahre Fortmann & Söhne – 150 Jahre LUFA Nordwest – 225 Jahre Stiftung Oldenburgischer Generalfonds und Landessparkasse zu Oldenburg.

Diese lange Liste deutet an, dass die These vom prosperierenden Oldenburg nicht weit hergeholt ist. Natürlich sind auch weniger positive Entwicklungen dabei. Sie müssen wir genauso registrieren wie die Erfolgsmeldungen. Vor allem aber müssen wir auf sie reagieren. Das ist unser oberstes Gebot. Der Trend ist aber eindeutig positiv. Unsere gemeinsame Heimatstadt bewegt sich ein in eine gute Richtung, die für die Zukunft viel erhoffen lässt. Wenn wir die Dynamik der letzten Jahre auch nur halbwegs fortschrieben, dann ist Oldenburg bald mehr als nur der „stille Star“ im Nordwesten – wie Roland Tichy, Chefredakteur der Wirtschaftswoche, uns nannte.

Die lange Liste verdeutlicht aber noch etwas anderes: Oldenburg wird immer vielfältiger. Es gibt die Armen und Reichen, die Starken und Schwachen, die Konservativen und Kreativen, die Traditionalisten und Modernisierer – und es gibt unendlich viele Schattierungen dazwischen. Ich erwähne das, weil dieser Umstand die Aufgabe der Stadtentwicklung komplexer macht. Und das heißt nicht: beschwerlicher. Sondern: attraktiver. Es ist zwar schwierig, viele unterschiedliche Interessen zu vereinen. Es ist aber eine hochgradig wichtige und soziale Aufgabe, die wir mit Ambitionen und Optimismus angehen. Und die wir hoffentlich in Ihrem Sinne lösen.

Ich habe in diesem Zusammenhang nur eine Bitte an Sie. Und zwar jene um Ihr Verständnis. Es ist nicht möglich, dass alle Bürgerinnen und Bürger zu jeder Zeit mit jeder Entscheidung der Stadt glücklich sind. Sollte das auch einmal bei Ihnen der Fall sein – halten Sie kurz inne und fragen Sie sich, ob es vielleicht Menschen gibt, die von dieser Entscheidung profitieren könnten. Und ob deren Vorteil den eigenen Nachteil nicht überwiegt. Für die Bereitschaft dazu danke ich Ihnen herzlich. Denn sie würde unser Oldenburg noch offener, toleranter, sympathischer und lebenswerter machen.

Nun aber stehen erstmal andere Dinge im Mittelpunkt: Innehalten. Durchatmen. Erholen. Entspannen. Genießen. Verbringen Sie schöne Tage im Kreise Ihrer Familie, mit Freunden und Bekannten. Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest, eine angenehme Zeit „zwischen den Jahren“ und einen guten Rutsch ins neue Jahr – in dem wir unsere Erfolgsgeschichte hoffentlich gemeinsam fortschreiben.

Bis dahin: Ihnen alles Gute!

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister