Kolumne des Oberbürgermeisters (23. November)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

erinnern Sie sich noch an den 27. Oktober 1998? Ein Herbsttag wie viele andere. Mit einer Ausnahme: Bei der Vereidigung des Bundeskabinetts diffamierte der frisch gewählte Bundeskanzler Gerhard Schröder Familienpolitik als entbehrliches „Gedöns“. Das ist gerade mal zwölf Jahre her. Es wirkt aber, als stamme der Satz aus einem anderen Zeitalter. Längst hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Aus dem „Gedöns“ ist ein Erfolgsfaktor geworden. Aus Familienpolitik wurde Zukunftspolitik.

Zu diesem Aufwertungsprozess haben viele Entwicklungen beigetragen. Ein entscheidender Faktor waren aber auch die Unternehmen. Sie haben früh erkannt, dass die Rohstoffe der Zukunft in den Köpfen der Menschen zu finden sind. Das Wissen, das Können und die Kreativität der Mitarbeiter gewinnen immer weiter und immer stärker an Bedeutung. Das verlangte eine Reaktion der Betriebe. Sie müssen ihre Mitarbeiter in eine Lage versetzen, ihr volles Potenzial abrufen zu können. Das Prinzip lautet: Glückliche Mitarbeiter sind motivierte Mitarbeiter sind produktive Mitarbeiter.

Und wie macht man einen Mitarbeiter glücklich? Das fragt man am besten die Bewerber um den „Olly“ – den Oldenburger Preis für Familienfreundlichkeit in Unternehmen. Ihn haben wir vor kurzem zum dritten Mal verliehen. Sämtliche Bewerber überzeugten durch eine außerordentlich hohe Qualität. Die Philosophie der Familienfreundlichkeit zog sich in allen Fällen wie ein roter Faden durch das gesamte Unternehmen – durch alle Bereiche und durch alle Ebenen. Dadurch ist jeweils ein betriebliches Klima der Gegenseitigkeit und Solidarität entstanden, das allen Beteiligten nutzt. Nicht zuletzt dem Unternehmen selbst. Manche Studien nennen ein „Return on Invest“ für familienfreundliche Maßnahmen von 25 Prozent. Vereinfacht ausgedrückt: Es lohnt sich!

Wie wichtig dieses Thema ist, zeigte auch der sympathische, gleichzeitig aber verbindliche Auftritt der Nds. Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration, Aygül Özkan. Sie kam direkt vom Bundesparteitag der CDU in Karlsruhe, steckte unterwegs im Stau fest – ließ sich aber nicht die Freude darüber nehmen, dass wir in Oldenburg diesem Thema höchste Priorität einräumen. Die Ministerin berichtete zudem, dass in Niedersachsen derzeit an einem Gesetz gearbeitet wird, das Kinderlärm künftig als „natürliches Geräusch“ klassifiziert, also nicht mehr als Ruhestörung justiziabel macht. Das mag nur eine Randnotiz sein. Ich halte diese Entwicklung aber für wichtig. Denn es ist ein gesellschaftliches Signal, wenn wir Familienfreundlichkeit selbst in unserer Rechtsordnung verankern.
An diesem Beispiel wird deutlich: Familienfreundlichkeit ist keine Frage des Geldes. Man muss nicht gleich eine betriebliche Kita einrichten, um seine Mitarbeiter zu unterstützen. Es ist toll, wenn man diese Möglichkeit hat. Wenn nicht, gibt es viele andere Wege das zu tun. Manchmal reichen kleine Dinge aus: ein simples Gespräch, ein wenig Rücksichtnahme oder etwas mehr Flexibilität. Wer kreativ ist, findet immer einen Weg. Das beweisen schon viele Oldenburger Unternehmen.

Sowieso gilt es, seinen Blick zu weiten. Mit Familienfreundlichkeit haben wir bisher in erster Linie Kinder assoziiert. Es gibt aber auch die andere Blickrichtung. Viele Mitarbeiter brauchen zusätzliche Zeit, um Eltern oder Angehörige zu pflegen und zu versorgen. Diese wichtige – zutiefst menschliche – Aufgabe gewinnt angesichts der Demographie zunehmend an Bedeutung; und sie ist gesellschaftlich betrachtet ebenso wertvoll wie die Versorgung von Kindern. Familienfreundlichkeit bedeutet letztlich also, die Bedürfnisse der Menschen in jeder Hinsicht ernst zu nehmen und zu berücksichtigen. Und das betrifft nicht nur Unternehmen, sondern alle Bereiche der Gesellschaft.

Es ist allerdings besonders inspirierend zu sehen, wie gerade die Betriebe in Oldenburg immer größere Anstrengungen unternehmen, um ihre Mitarbeiter zu entlasten und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. Es schadet dabei nicht, wenn sie dies auch aus Eigeninteresse machen. Schließlich profitieren alle davon: neben den Arbeitergebern und den Arbeitnehmern auch die Familie, der Standort und die Gesellschaft. Nehmen wir uns also die bisherigen Olly-Preisträger Büfa, Praxis Dillmann, EWE, LzO und die Firmengruppe Eriksen zum Vorbild und übertragen ihre praktizierte Familienfreundlichkeit in alle Bereiche unseres Zusammenlebens. Wenn uns das nur ansatzweise gelingt – dann wäre Oldenburg ein Familienparadies. Und das wäre ein Etikett das uns sicherlich genauso gut stünde wie die „Übermorgenstadt“.

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister