Kolumne des Oberbürgermeisters (23. Dezember 2010)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

es gibt eine Theorie, dass uns die Jahre mit zunehmenden Alter immer kürzer vorkommen. Prozentual gesehen machen sie nämlich einen immer geringeren Anteil unserer Lebenszeit aus. Im Alter von zehn steht ein Jahr noch für 10 Prozent des eigenen Lebens. Im Alter von 50 sind es nur noch zwei Prozent. Ich glaube, da ist was dran. Denn das Jahr 2010 kam mir sehr kurz vor.

Alles ist noch so nah: Haiti, Vancouver, Margot Käßmann, Xynthia, Eyjafjallajökull, Lech Kaczyinski, Deepwater Horizon, Griechenland, Euro-Krise, Lena Meyer-Landrut, Horst Köhler, Südafrika, Vuvuzela, Christian Wulff, Loveparade, Pakistan, Google Streetview, Thilo Sarrazin, Stuttgart21, Mario Sepulveda, Gorleben, Konjunkturoptimismus, Sebastian Vettel, Nordkorea, Irland, Wikileaks, Borussia Dortmund, Julian Assange, Cancún, Liu Xiaobo, Silvio Berlusconi. Und immer wieder: Berlin, Washington, Peking, Bagdad oder Kabul.

Ich weiß nicht, ob es Ihnen ähnlich geht; aber ich habe den Eindruck, als würde sich ein Trend fortsetzen und die Taktung an Ereignissen innerhalb eines Jahres immer höher werden. Mir kommt es so vor, als hätte der vorige Absatz früher eine ganze Dekade füllen können. Und das betrifft nicht nur die weite Welt. Das betrifft auch Oldenburg.

In diesem Jahr stellte sich vor allem eine Frage: Würden wir dort weitermachen, wo wir im letzten Dezember aufgehört haben – und den Schwung der „Stadt der Wissenschaft“ mitnehmen? Ganz nahtlos ging das zwar nicht vonstatten. Der Veranstaltungskalender war definitiv etwas leerer. Und auch die mediale Aufmerksamkeit ließ etwas nach. Doch damit können wir leben. Denn: Die hervorragende Entwicklung Oldenburgs hat sich nahtlos fortgesetzt. Und nicht nur das. Sie hat an Dynamik noch deutlich zugelegt.

Natürlich ist diese Aussage zunächst mal nur ein Gefühl. Es lässt sich aber mit Zahlen untermauern. Zum Beispiel mit dem Gewerbesteueraufkommen. Das ist derzeit so positiv, dass wir im Haushalt für 2011 von Einnahmen in Höhe von 80 Mio. Euro ausgehen. Das klingt nach viel. Und das ist auch viel. Nämlich: Der höchste Wert aller Zeiten! Noch nie in der Geschichte unserer Stadt haben unsere Unternehmen so viel Gewerbesteuer gezahlt, wie wir für 2011 erwarten. Und das heißt: Auch die Gewinne waren niemals zuvor so hoch. Das ist eine tolle Nachricht – sowohl für die Unternehmen und ihre Mitarbeiter als auch für den Standort und seine Bewohner. Für Sie also, liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger.

Ein anderes Indiz ist die Arbeitslosenzahl. Sie ist besonders wichtig, schließlich steht sie für menschliche Schicksale. Deshalb freue ich mich sehr, dass auch hier – analog zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – ein Aufschwung erkennbar ist. Zwar war die Erholung anderswo etwas stärker. Doch hier, in Oldenburg, sind wir aufgrund unserer stabilen Wirtschaftsstruktur zuvor auch gar nicht so sehr abgestürzt. Im November lag die Quote bei 8,6% – nach 9,5% im letzten Januar. Das sind zwar immer noch 7.086 Arbeitslose zuviel. Solange es aber in kleinen Schritten weiter vorangeht – und vor allem junge Fachkräfte von diesem Trend profitieren – sehe ich optimistisch in die Zukunft.

Optisch hat sich in diesem Jahr vor allem auf dem Areal nördlich des Bahnhofs viel bewegt. Nachdem wir im August 2009 die neue LzO-Zentrale einweihen durften, folgte in diesem Jahr der – architektonisch ebenfalls gelungene – Neubau der VHS. In der Nachbarschaft wächst zudem der Bau der Rechtsanwälte Fugger in die Höhe und für die neue Zentrale der Vierol AG wurde der Grundstein gelegt. Zudem gibt es für das verbleibende freie Grundstück die – noch nicht ganz spruchreife – Idee eines Justizzentrums, das die Oldenburger Gerichte zusammenfassen soll. Keine Frage: Wenn es ein Symbol für die starke Entwicklung Oldenburgs gibt, dann dieses Areal.

Kaum weniger spektakulär geht es in der Innenstadt zu. Die Neupflasterung der Achternstraße ist abgeschlossen, verschiedene Gebäude wurden neu errichtet oder aufwändig saniert, die Schlosshöfe stehen kurz vor der Vollendung (und stoßen auf viel mehr Gegenliebe als Kritiker anfangs gedacht hätten) und am Festungsgraben wurde eine starke Lösung für die ehemaligen Telekom-Parkplätze gefunden – ein weiteres Beispiel für zeitgemäße citynahe Wohnarchitektur, wie bei den Heiligengeisthöfen und an der Hafenpromenade.

Und was ist jetzt mit dem Titel Stadt der Wissenschaft? Bleibt er ohne Nachwirkungen? Nein. Natürlich nicht. Schließlich hat er unser bundesweites Image mächtig aufpoliert. Oldenburg wird jetzt von Schleswig bis Konstanz mit Wissenschaft assoziiert. Das wird – mit Blick auf den hohen und weiter wachsenden Stellenwert von Bildung und Forschung – noch sehr wertvoll sein. Es gibt aber auch „handfestere“ Beispiele für die Langezeitwirkung des Titels. Zum einen wurde im November der Startschuss für das „Schlaue Haus“ gegeben, das gemeinsam von der Carl von Ossietzky Universität und der Jade Hochschule betrieben werden wird. Es wird ein Treffpunkt für Wissenschaft und Bevölkerung sein, ein Ort zum informieren und diskutieren. Ich begreife all das als sehr wertvoll und freue mich darüber.

Der andere Höhepunkt in Sachen Wissenschaft war das Grüne Licht des Wissenschaftsrats für die European Medial School in Groningen und Oldenburg. Ich zähle diese gute Nachricht zu den besten des Jahres. Der Studiengang bedeutet eine deutliche Aufwertung für den Bildungsstandort Oldenburg. Schließlich gilt die Medizin als eine Königsdisziplin der akademischen Bildung. Außerdem besitzt sie – vor allem mit Blick auf die Demographie – eine hohe gesellschaftliche Bedeutung. Und nicht zuletzt ist der Studiengang ein (weiterer) Beweis für die Oldenburger Innovationskraft. Schließlich gab es eine grenzüberschreitende medizinische Ausbildung in Deutschland noch nicht. Dass die Rijksuniversiteit Groningen zu den renommiertesten Hochschulen in diesem Bereich gilt, macht die Sache noch besser.

Es geht übrigens so weiter. Viele wichtige Projekte werden in 2011 abgeschlossen. Die neue Feuerwache am Hackenweg zum Beispiel. Die neue Sporthalle – samt Handball-Internat – in Wechloy. Die Schlosshöfe in der Innenstadt. Oder die Sanierung des Oldenburgischen Staatstheaters. Zugegeben: All diese Dinge wurden erst durch das Konjunkturpaket II möglich. Aber das tut der Sache keinen Abbruch. Denn erstens stammen die Projekte aus Oldenburger Feder – und zweitens ist der Urheber letztlich egal, solange das Ergebnis stimmt. Und das tut es. Nachprüfbar im kommenden Jahr.

Wobei das längst nicht alles ist. Besonders gespannt bin ich auf den Umbau des Evangelischen Krankenhauses. Die Entwürfe lassen einen behutsam Umgang mit der – größtenteils dankmalgeschützten – städtebaulichen Umgebung erkennen. Nachdem schon das Pius Hospital und das Klinikum erheblich gewachsen sind und umfangreich erneuert wurden, wird nun also das Evangelische modernisiert. Rechtzeitig zum Start der European Medical School im Jahr 2012 – der auch die Umfirmierung der Krankenhäuser zum „Universitätsklinikum“ zur Folge haben dürfte – befinden sich sämtliche Häuser auf dem neuesten Stand. Eine beruhigende Festsstellung für die Menschen in der Region.

Übrigens waren in den letzten Monaten auch abseits der optisch wahrnehmbaren Veränderungen viele schöne Entwicklungen zu erkennen. Wichtig ist mir persönlich der Bedeutungszuwachs der Integration. Im Frühjahr fand in Oldenburg die Bundeskonferenz der Integrationsbeauftragten statt und im Herbst durften wir den Integrationsgipfel der Bundeskanzlerin in Berlin mitgestalten. Das ist eine tolle Würdigung für unsere Arbeit in diesem Bereich. Im Spätherbst gab es zudem die Saison der Preise: Der Helene-Lange-Preis, der Klaus-von-Klitzing-Preis, der Preis für Zivilcourage, der Integrationspreis. Ausgezeichnet wurden Frauen in der Wissenschaft, hervorragende Lehrer in naturwissenschaftlichen Fächern, couragierte Bürgerinnen und Bürger, und vorbildliche Projekte mit dem Schwerpunkt Toleranz. Ich kann mir nur wenige Preise vorstellen, die ebenso positive Wirkungen hätten wie diese. Sie sagen viel über uns und unser Zusammenleben aus.

Kaum zu glauben, aber: All das ist in einem einzigen Jahr passiert. Und dabei ist es nur die Spitze eines Eisbergs. Es gäbe unzählige Ideen, Projekte und Forschritte, die es wert wären, hier genannt zu werden. Überall in der Stadt. Allein: Der Platz reicht nicht. Ich müsste schon ein Buch über das letzte Jahr schreiben, um allen Entwicklungen und Erfolgen gerecht zu werden. Dafür fehlt mir aber die Zeit. Meine Aufgabe ist es schließlich, die gute Entwicklung fortzusetzen. Die Berichte darüber überlasse ich dann gerne anderen.

Jetzt ist aber erstmal etwas anderes wichtig. Schalten Sie in den kommenden Tagen einen Gang zurück und atmen einmal richtig durch. Gönnen Sie sich Ruhe und Erholung. Entspannen Sie im Kreise Ihrer Familie, mit Freunden und Bekanten. Ich wünschen Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest, schöne Tage „zwischen den Jahren“ und einen guten Rutsch ins neue Jahr – das hoffentlich ebenso gut und erfolgreich wird wie 2010.

Danke dafür, dass Sie den Erfolg Oldenburgs möglich gemacht oder ganz direkt dazu beigetragen haben.

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister