Kolumne vom 30. August 2007

Liebe Oldenburgerinnen, liebe Oldenburger,

man erkennt es auf den ersten Blick, selbst wenn man nie zuvor in Oldenburg war: Diese Stadt hat ganz unterschiedliche Seiten, die manchmal in direkter Nachbarschaft nebeneinander existieren. Da ist zum Beispiel die ruhige und verträumte Seite, die den historischen Charme eines alten Residenzstädtchens in sich trägt. Eine andere Seite ist das moderne, aufbrechende Oldenburg, das in die Zukunft blickt und große Schritte nach vorne wagt.

Eindeutig zur letzteren gehören die zahlreichen Baumaßnahmen in Oldenburg. Überall sieht man ihre Wahrzeichen: Bauzäune und Gerüste, Kräne und Bagger. All diese Dinge bedeuten kurzfristig zwar Lärm und Schmutz. Langfristig aber verheißen sie Fortschritt und Veränderung. Und: Sie sind ein Gradmesser dafür, wie es um unsere Stadt bestellt ist: Wenn gebaut wird, dann bedeutet das Vertrauen in den Standort und Zuversicht für die Zukunft. Jeder Spatenstich, jede Grundsteinlegung, jedes Richtfest und jede Einweihung ist also auch ein Kompliment an Oldenburg.

Bleibt man bei diesem Bild, müsste Oldenburg derzeit eigentlich einen roten Kopf bekommen. Wir können uns vor baulichen Komplimenten kaum retten. Es ist faszinierend zu sehen, wie Oldenburg sich bewegt und verändert. Zwar stellt nicht jeder neue Supermarkt ein architektonisches Highlight dar – aber insgesamt ist ein Trend zu mehr Wertigkeit in den Entwürfen festzustellen. Mit Unbehagen denken sicherlich viele Oldenburger an die vielen grauen Betonkästen zurück, die in den 60er und 70er Jahren vielleicht ähnlich bejubelt wurden wie manch aktuelles Projekt. Aber diese Zeiten sind gottlob vorbei. Es geht zum Glück nicht mehr darum, möglicht schnell möglichst viel zu bauen – sondern darum, Bauwerke im Sinne eines kulturellen Wertes zu schaffen. Das heißt: Kreative und individuelle Entwürfe, spannende Beziehungen mit der Umgebung und nicht zuletzt auch charakterstarke Bauten, die sich von anderen abheben. Es ist eindeutig zu erkennen, dass mehr Wert auf Qualität gelegt wird. Langsam aber sicher entsteht eine neue Urbanität, die Oldenburg noch interessanter macht, als es bisher schon war.

Mit dem Neubau der LzO-Zentrale hat am 29. August ein ganz besonderes Projekt seine Grundsteinlegung gefeiert. Nicht nur von den Dimensionen her ist dieser Entwurf ein „Primus inter Pares“ bei den Oldenburger Bauvorhaben. An der Ecke Straßburger und Maastrichter Straße entsteht ein Komplex, der ganz sicher nicht einfach nur ein weiteres Gebäude sein wird – sondern ein markantes Markenzeichen für das neue Oldenburg. Subjektiv kann man den Entwurf natürlich gut oder schlecht finden. Die Geschmäcker sind halt verschieden. Ich finde ihn aber klasse. Und eines kann ihm niemand absprechen: Signalwirkung. Die Pläne gehen eindeutig weg vom Betulichen und Provinziellen und hin zum Wegweisenden und Zukunftsgerichteten. Und damit tun sie genau den Schritt, den auch Oldenburg tun muss.

Großes Interesse besteht verständlicherweise auch an einem anderen Neubau – nämlich an dem des Möbelhauses IKEA. Jeden Sonntag kann man beobachten, wie Kiebitze die Baufortschritte beobachten. Das kann man Neugier nennen – ich würde es aber als Vorfreude bezeichnen. Nicht nur dort, sondern auch in Gesprächen mit Bürgerinnen und Bürgern kann man immer wieder feststellen: Oldenburg freut sich auf IKEA. Und ich bin mir sicher: IKEA freut sich auch auf uns. Eine tolle Geschichte also.

Auch in der Innenstadt passiert was: Nachdem die Burghöfe seit einer Weile fertig sind, die Pflasterung der Fußgängerzone eine Pause macht und das Hallenbad bereits das Zeitliche gesegnet hat, rückt dort ein anderes Projekt in den Mittelpunkt: Die Heiligengeisthöfe. Zwar geht es dort erstmal in die Tiefe – doch zur Heiligengeiststraße hin sind bereits zwei markante Veränderungen vollzogen. Sowohl der sanierte Altbau als auch der direkt daneben liegende kubusförmige Neubau in leuchtendem Rot bedeuten einen Zugewinn für den gesamten Straßenzug. Sie zeigen, wie hervorragend Alt und Neu nebeneinander bestehen und sich gegenseitig bereichern können. Es lohnt sich, das mal anzuschauen – unter anderem auch deshalb, weil im Erdgeschoss des Altbaus mit der „um/bau/bar“ eine neue Kneipe zu finden ist, die genauso clever und interessant ist, wie ihr Name klingt.

Sie erkennen es an der Länge dieser Kolumne: Ich bin ein großer Freund guter Architektur. Dieses Thema bewegt und begeistert mich. Mich interessieren international gefeierte Entwürfe – wie zum Beispiel mein „Lieblingsbau“, die Bank of China in Hongkong – ebenso sehr wie kleinere Lösungen für Oldenburg. Gute Architektur ist nicht von der Größe der Stadt abhängig, sondern davon, wie kreativ und flexibel man eine Aufgabe löst. Ich freue mich sehr, dass in Oldenburg der Trend in diese Richtung geht. Ich unterstütze das sehr. Denn ich weiß: Dieser Weg zu einer neuen Urbanität ist der richtige.

Ihr Gerd Schwandner
Oberbürgermeister