Kolumne vom 4. Februar 2008

Liebe Oldenburgerinnen, liebe Oldenburger,

bei vielen Themen lassen sich mehrere Ansichten vertreten. Da gibt es ein Pro und ein Contra – und meistens auch noch irgendwas dazwischen. Das ist ganz normal und auch in Ordnung so. Es gibt aber Ausnahmen von dieser Regel, bei denen es praktisch nur eine geltende Meinung gibt, der sich alle anschließen. Die Einschätzung des Ehrenamtes ist so ein Fall.

Haben Sie irgendwann schon einmal etwas Schlechtes darüber gehört? Sicherlich genauso wenig wie ich. Wie auch? Das Wort Ehrenamt impliziert etwas deutlich Positives (auch wenn „Amt“ darin vorkommt). Es ist ein Treibstoff für unser Zusammenleben – und ohne ihn würde vieles sehr schnell zum Erliegen kommen. Manche messen sogar den Grad der Solidarität einer Gesellschaft – und wie es ganz konkret um den Zusammenhalt in ihr bestellt ist – an der Zahl der ehrenamtlich Tätigen. Ich weiß nicht, ob das tatsächlich als Indikator taugt. Eines ist aber sicher: Dort, wo die Übernahme von Ehrenämtern selbstverständlich ist, lässt es sich besser leben als dort, wo die Menschen nur ihren eigenen Weg gehen und sich nicht um andere scheren.

Wir müssen glücklicherweise nicht lange überlegen, in welche der Kategorien wir gehören. Oldenburg darf sich als eine Art Hochburg des Ehrenamts fühlen. Eine Stadt, in der es allein über 100 Sportvereine gibt, in denen 40.000 Menschen aktiv sind, könnte ohne freiwillige und ehrenamtliche Tätigkeiten überhaupt nicht funktionieren. Zum Glück gibt es hier die Mentalität, dass nicht alles, was man macht, in Geld aufgewogen werden muss. Und sie ist weiter verbreitet, als man glaubt.

Vielleicht kennen Sie die städtische Agentur :ehrensache. Sie vermittelt Menschen, die ehrenamtlich arbeiten möchten, an Institutionen, Vereine oder Privatpersonen, die Bedarf an solcher Unterstützung haben. Und das klappt ganz hervorragend. Das Interesse der Bürgerinnen und Bürger ist enorm hoch – bildlich gesprochen kann sich die Agentur vor Anfragen kaum retten. Und das ist nicht nur ein subjektiver Eindruck. Auch im objektiven Vergleich mit anderen Städten schneidet Oldenburg stark ab. An diesem konkreten Fall wird deutlich, wie lebenswert unsere Stadt ist. Nicht nur weil sie optisch ansprechend ist – sondern auch (und vor allem), weil die Menschen füreinander da sind.

Dank der großen Beteiligung konnte die Agentur wichtige Vorhaben auf den Weg bringen. Das Jobpatenprojekt, das Neubürgerprojekt, die Kulturbegleitung, den Aktionstag für Jugendliche – und jetzt ganz aktuell das Filmfestival „ueber morgen“. Eine starke Bilanz – und eine ganz konkrete Bereicherung des Zusammenlebens in unserer Stadt. Und zwar eine, die man für Geld nicht kaufen könnte (nicht mal, wenn wir’s hätten). Ich möchte an dieser Stelle den Bürgerinnen und Bürgern herzlich für Ihr großes Engagement danken – ebenso wie dem Team der Agentur :ehrensache, das seit vier Jahren hervorragende Arbeit leistet.

Bürgerschaftliches oder ehrenamtliche Engagement kann aber auch ganz anders aussehen. Auch Unternehmen können sich daran beteiligen. Man bezeichnet das oft als „Corporate Citizenship“ oder „Corporate Social Responsibility“ – aber diese Anglizismen müssen eigentlich nicht sein. Hauptsache, die Wirtschaft trägt ihren Teil zu einem lebenswerten Standort bei. Und in Oldenburg tut sie das.

In diesem Zusammenhang fällt mir zum Beispiel die Firma ashampoo ein, die Computernutzern schon lange und allen anderen spätestens seit ihrer Stadionkampagne bekannt ist. Zwar beteiligt sich das Unternehmen nicht mehr direkt am Stadionprojekt – aber mit der Website www.pixelsoccer.de weiß ashampoo dennoch etwas Sinnvolles anzufangen. Auf dieser Seite kann man nämlich Werbeflächen kaufen – für 10 Euro pro 100 Pixel. Sämtliche Erlöse des Projekts werden für einen neuen Sportplatz in Etzhorn verwendet.

Es gibt natürlich viele weitere Initiativen von Unternehmensseite, die sich nicht nur dem Betrieb, sondern auch der Gesellschaft widmen. Aktuelle Beispiele dafür wären etwa das EWE-Energieforschungszentrum oder die Erweiterung des TGO – beides Projekte, die unter reinen Renditegesichtspunkten wohl nicht realisiert worden wären. Hinzu kommen natürlich die hiesigen Stiftungen, ohne die vor allem in der Kultur sehr viel weniger möglich wäre. Das Beispiel ashampoo habe ich aber deshalb herausgegriffen, weil es zeigt, dass man für sinnvolles bürgerschaftliches Engagement selbst keine großen Mittel einsetzen muss – sondern nur eine kreative Idee in die Tat umzusetzen braucht. Gegenseitigkeit ist keine Frage des Geldes – sondern des Geistes.

Es gibt unzählige Möglichkeiten, einen Standort wie Oldenburg zu entwickeln. Auf eine Sache hat man als Verwaltung aber nur wenig Einfluss: Auf die Mentalität der Menschen – und darauf, wie sie miteinander umgehen. Dabei ist genau das ein entscheidender Faktor, ob ein Ort lebenswert ist oder nicht. Ich freue mich sehr darüber, dass Oldenburg sich in dieser Hinsicht wenig Sorgen machen muss – und auf eine engagierte und solidarische Bürgerschaft vertrauen darf.

Ich danke Ihnen allen herzlich dafür.

Ihr Gerd Schwandner
Oberbürgermeister