Oldenburg. „Jüdisches Leben in der DDR – Zwischen Sehnsucht und Enttäuschung“ steht im Mittelpunkt einer Veranstaltungsreihe, die das Leo-Trepp-Lehrhaus und das Kulturbüro der Stadt Oldenburg von Dienstag, 2. Juni, bis Sonntag, 28. Juni, organisieren. Das Jüdische Leben in der ehemaligen DDR wird dabei aus unterschiedlichen Blickwinkeln thematisiert, beginnend mit einer Auftaktveranstaltung am Dienstag, 2. Juni, um 19 Uhr im Kulturzentrum PFL, Peterstraße 3. Nach Grußworten von Prof. Dr. Gerhard Wegner, dem Niedersächsischen Landesbeauftragten gegen Antisemitismus und für den Schutz jüdischen Lebens, und Kulturdezernent Holger Denckmann wird die Historikerin Dr. Annette Leo mit dem Vortrag „Beargwöhnt und herausgehoben: Jüdinnen und Juden in der DDR“ die Reihe eröffnen. Zehn weitere Veranstaltungen von Musik über Literatur bis zu Workshops folgen. Der Eintritt ist frei.
Gemeinsames Projekt der Jüdischen Gemeinde und des Kulturbüros
Initiiert hat diese Veranstaltungsreihe Prof. Dr. Claire Schaub-Moore, erste Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg. In zahlreichen Gesprächen musste sie feststellen, dass viele der ehemals in der DDR lebenden Menschen kaum etwas vom jüdischen Leben in ihrer Gesellschaft wussten. Die Gründe hierfür zu erfahren und zu verstehen, hat sie zu dieser Veranstaltungsreihe inspiriert.
Die Gründung eines „neuen Deutschland“ nach dem erst vier Jahre zuvor besiegten „Nazi-Deutschland“ war nicht nur für die Anhängerinnen und Anhänger von Kommunismus und Antifaschismus ein Sehnsuchtsort, sondern auch für einige Jüdinnen und Juden, die die Shoah überlebt hatten. „Sie hofften, am Aufbau eines Landes beteiligt zu werden, dessen Sprache und Kultur vertraut waren und dessen politische Ausrichtung all das ablehnte, was den deutschen Faschismus genährt hatte“, sagt Paula von Sydow, Leiterin des Kulturbüros.
Verschiedene Formate sollen Antworten liefern und Fragen aufwerfen
In der gemeinsamen Vorbereitung des Projektes haben sich Fragen danach entwickelt, ob und wie sich das jüdische Leben in der DDR vom jüdischen Leben in der Bundesrepublik Deutschland unterschieden hat und ob sich aus dieser vertieften Betrachtung möglicherweise Antworten und Gestaltungsmöglichkeiten für eine Zukunft unserer Gesellschaften ableiten lassen. Auf dieser Grundlage wurde eine Reihe ganz verschiedener Veranstaltungsformate wie Vorträge, Podiumsgespräch, Lesungen, Konzert, Filme, Workshops und eine Ausstellung organisiert.
„Die Anfrage beim Kulturbüro, ob Interesse an einer gemeinsamen Veranstaltungsreihe bestünde, erwies sich als Glücksgriff“, sagt Prof. Dr. Claire Schaub-Moore. „Der konzentrierte Blick auf die DDR, und damit der indirekt vergleichende Blick auf die BRD und die Entwicklung der beiden deutschen Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg, soll als Versuch verstanden werden, bisher vernachlässigte Perspektiven in der Antisemitismusforschung einzunehmen.“
Vorträge zu Gemeindeleben, Identität, Familiengeschichten
Für die Veranstaltungsreihe wurden Referentinnen und Referenten eingeladen, die mit ihrer Expertise bereits zur noch recht jungen Forschung um das Thema jüdisches Leben in der DDR beigetragen haben. Sie alle stellen dankenswerterweise ihr Wissen und ihre Forschungsergebnisse für Diskussionen in Oldenburg zur Verfügung.
So hält beispielsweise die Historikerin und Rabbinerin der liberalen jüdischen Gemeinde Hameln, Dr. Ulrike Offenberg, am Dienstag, 9. Juni, um 19 Uhr im Forum St. Peter einen Vortrag zum Thema „Die jüdische Nachkriegsgeschichte in der DDR. Einblick in das Gemeindeleben und in die SED-Politik gegenüber Juden und Judentum.“
Am Donnerstag, 11. Juni, 19 Uhr, treffen sich die Schriftstellerin und Publizistin Prof. Ines Geipel, der ehemalige Geschäftsführer der „Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen“ Ricklef Münnich und der wissenschaftliche Mitarbeiter bei „Tacheless 2026 – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen“ Dr. Alexander Walther zu einem Podiumsgespräch über DDR-Erfahrungen mit Identität, Religion, Geschichte und Verantwortung. Der Titel der Veranstaltung lautet „Blinde Flecken oder geteilte Räume?“. Moderiert wird das Podiumsgespräch im Forum St. Peter von Prof. Dr. Andrea Strübind von der Universität Oldenburg.
Mit ihrem Vortrag „Jung und jüdisch in der DDR“ berichten die Wissenschaftlerinnen Dr. Sandra Anusiewicz-Baer und Lara Dämmig am Montag, 15. Juni, um 19 Uhr in der städtischen Musikschule von Erfahrungen und Möglichkeiten jüdischen Lebens unter den Bedingungen des Sozialismus. Anhand von Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen beleuchten sie jüdisches Gemeindeleben und Selbstverständnis, das Verhältnis der DDR zum Staat Israel sowie die Wahrnehmung von Antisemitismus in der DDR.
Der bildende Künstler und Gastprofessor an der Universität der Künste Berlin, Leon Kahane, untersucht in seinem Vortrag „gedenken unserer durch die Tat!“ die Verflechtung von persönlicher Familiengeschichte und politischer Erinnerungskultur. Im Zentrum stehen dabei Biografien jüdischer Überlebender, die im Widerstand aktiv waren und nach 1945 in die DDR zurückkehrten. Die Veranstaltung findet am Dienstag, 23. Juni, um 17 Uhr an der Universität Oldenburg, Seminarraum V03 0-D003 im Gebäude V3, Lifelong Learning Campus, und in Kooperation mit der Zentralen Koordinationsstelle des „Zertifikats Antisemitismuskritische Bildung in Niedersachsen im Kontext Schule“ (ZABIN) statt.
Parallel Ausstellungen zu Anne Frank und zur DDR in der Erinnerungskultur
Des Weiteren gibt es eine Kooperation mit dem Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen und der zeitgleich im Alten Gymnasium Oldenburg stattfindenden Ausstellung „Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte“ des Anne-Frank-Zentrums Berlin. Bereits eröffnet ist eine parallel stattfindende Ausstellung zur DDR in der Erinnerungskultur im Kulturzentrum PFL, die ebenfalls Tafeln zum jüdischen Leben in der DDR umfasst.
Abschlussveranstaltung am 28. Juni im Wilhelm13
Am Sonntag, 28. Juni, um 18 Uhr wird die Veranstaltungsreihe mit einem Resümee der Organisatorinnen und einem Konzert der Gruppe Kačka im Wilhelm13, Leo-Trepp-Straße 13, abgeschlossen.
Das gesamte Veranstaltungsprogramm sowie weitere Informationen gibt es im Internet unter jg-ol.de/juedische-kulturwochen-2026 ».