Streifzug durch die Oldenburger Sagenwelt
Zahlreiche Sagen ranken um das alte Oldenburger Land. Sie erzählen von Göttern und Dämonen, von Fürsten und Grafen ebenso wie vom einfachen Volk. Über Jahrhunderte wurden die Geschichten mündlich überliefert. Mit der Erfindung der Buchdruckerkunst wuchs in den deutschen Landen im 16. Jahrhundert auch das Bewusstsein für die Bedeutung regionaler Literatur. Überlieferte Erzählungen wurden in Sammelwerken zu Papier gebracht. Erste Drucke Oldenburger Sagen finden sich in der Oldenburgischen Chronik aus dem Jahre 1599 von Hermann Hamelmann.
Die wohl umfangreichste Sagensammlung des Landes zwischen Weser und Nordsee erschien 1969 im Oldenburger Heinz-Holzberg-Verlag. („Oldenburgische Sagen – ausgewählt und neu erzählt von Hermann Lübbing“, 320 Seiten.) Auf den Spuren Hamelmanns sowie anderer Chronisten, aber auch auf Grundlage mündlicher Überlieferungen bis in unser Jahrhundert hinein, erzählt Autor Hermann Lübbing über 250 oldenburgische Sagen, die einen Einblick in die landschaftliche, geschichtliche und gesellschaftliche Vielfalt des Oldenburger Landes geben.
Der folgende kleine Streifzug durch die Sagenwelt greift die bekanntesten Oldenburger Sagen auf.
Wie das Oldenburger Wappen entstand
Graf Friedrichs Löwenkampf
Ein gelber Schild mit zwei blutroten Balken bildet das Wappen derer zu Oldenburg. Es zeugt noch heute von dem Mut des jungen Grafen Friedrich, der, um die Ehre seines Vaters zu retten, den Kampf mit einem Löwen aufnahm.
Es geschah zu der Zeit, als Kaiser Heinrich IV einen Reichstag in Goslar zusammenrief. Graf Huno, der damals das Ammerland und Rüstringen regierte, hatte mit großen Problemen in seinem eigenen Land zu kämpfen und blieb deshalb dem kaiserlichen Reichstag fern. Seine Feinde nutzten die Gelegenheit, den Grafen als Verschwörer gegen den Kaiser zu verleumden. Um seine Unschuld zu beweisen, musste Graf Huno, so bestimmte es der Kaiser, sich einem Gottesurteil unterwerfen: Ein tüchtiger Fechter aus seinem Gefolge sollte sich dem Kampf mit einem Kämpen des Kaisers stellen. Siegte der Kämpfer des Grafen, so war seine Unschuld bewiesen.
Graf Huno wählte seinen Sohn, den jungen Grafen Friedrich, und reiste mit ihm nach Goslar. Der Kaiser jedoch schickte einen hungrigen Löwen in den Kampf. Ein scheinbar aussichtsloser Fall. Die blutrünstige Bestie würde den jungen Grafen zerreißen, bevor jener auch nur einen Schwertstreich ausführen könnte, doch der mutige Graf besann sich auf die Fähigkeit, die den Menschen über das Tier erhebt die Fähigkeit, zu denken – und bediente sich einer List. Als er mit gezogenem Schwert die Kampfesarena betrat, schob Graf Friedrich eine wie ein Krieger ausstaffierte Strohpuppe vor sich her, die mit frischem Fett und Ochsenblut beschmiert war. Sein Plan ging auf. Der hungrige Löwe stürzte sich, vom Blutgeruch angelockt, auf die Strohpuppe, um sie zu zerreißen. Dem jungen Grafen blieb Zeit genug, das wilde Tier zu erlegen. Unverletzt verließ er die Arena.
Kaiser Heinrich, nun von der Unschuld des Grafen Huno überzeugt, tauchte seine Hand in das frische Löwenblut und strich damit zweimal über den goldenen Schild des glorreichen Siegers. So entstand das gelb-rote Wappen derer zu Oldenburg, das später zahlreiche Fürsten aus oldenburgischem Stamm, so die Könige von Dänemark und die Herzöge von Schleswig-Holstein und Oldenburg, im Andenken an den mutigen Grafen Friedrich im Schilde führten.
Graf Huno und Graf Friedrich aber kehrten reich beschenkt heim und stifteten zum Dank das Benediktinerkloster zu Rastede.
Nacherzählt von Isabelle Yeginer
Kleinod der Grafen
In der Sammlung der dänischen Könige aus oldenburgischem Stamm in Kopenhagen ist ein Kleinod zu bewundern, welches das „Oldenburger Wunderhorn“ genannt wird. Es befand sich über Jahrhunderte im Besitz der Oldenburger Grafen. Graf Otto von Oldenburg, ein eifriger Jäger, war sein erster Besitzer.
Eines Tages begab sich Graf Otto mit seinem Gefolge auf die Jagd im Barnefürsholz. Während er einem zarten Reh nachsetzte, entfernte er sich immer weiter von seinen Leuten, bis er plötzlich erhitzt und durstig, ganz allein auf dem sandigen Osenberg stand. „Ach Gott“, sprach der Graf zu sich selbst, „wenn man doch nur einen kühlen Trunk hätte!“ Da trat aus dem Berg eine wunderschöne Jungfrau und reichte ihm ein prachtvolles Trinkhorn mit den Worten: „Trinket nur, lieber Herr, es wird Euch nicht schaden, sondern Euch und dem ganzen Land Oldenburg zum Besten gereichen. Trinkt Ihr aber nicht, so wird Euer Grafenhaus in Zwietracht zerfallen.“
Graf Otto aber, dem der Trank merkwürdig anmutete, trank nicht, sondern schüttete das Horn in hohem Bogen aus. Einige Tropfen spritzten auf den Rücken seines Pferdes und versengten das Fell des edlen Tieres. Der Graf wendete sein Pferd und galoppierte davon. Die Jungfrau aber verschwand wieder im Berg und ward nie mehr gesehen.
Das Trinkhorn blieb im Besitz der Oldenburger Grafen und wurde als besonderes Kleinod in Ehren gehalten. Zum Trinken jedoch konnte es nie genutzt werden. Wie edel der Trank auch sein mochte, der hinein gefüllt wurde, er nahm in dem Horn einen widerlichen Geschmack an.
Nacherzählt von Isabelle Yeginer
Das Lieblingspferd des Grafen
Graf Anton Günthers Liebe zu Pferden ist historisch belegt und legendär zugleich. So gelang es Anton Günther (1583 bis 1667) erwiesenermaßen, durch geschicktes Verschenken zahlreicher Pferde aus einer Zucht, Oldenburg vollständig aus dem Dreißigjährigen Krieg herauszuhalten. Sein allerliebstes Pferd war der Apfelschimmel „Kranich“, den der Graf selbst auf mysteriöse Weise geschenkt bekam.
Auf einer seiner diplomatischen Reisen suchte Graf Anton Günther einst im Holsteinischen ein Nachtquartier. Doch alle Betten in der Herberge waren belegt. So mußte der Graf in einem halbverfallenen Schloß übernachten, in dem es angeblich spukte.
Kaum hatte Graf Anton Günther sich im Spukschloß zum Essen gesetzt, da klopfte es an der Tür. Wie es seine Gewohnheit war, rief der Graf: „Herein, wer einen Kopf hat.“ Die Tür ging auf und eine feurige Gestalt stürzte sich auf den Grafen. Der zog beherzt den Degen und schlug den Kerl in die Flucht. Damit nicht genug des Mutes. Graf Anton Günther folgte der Gestalt durch das verfallene Schloß bis in den Keller, wo plötzlich sechs Männer über ihn herfielen und ihn töten wollten. Anton Günther aber gebot ihnen Einhalt: „Mein Volk weiß, wo ich bin. Wenn ich aus diesem Schloß nicht zurückkehre, wird man es umzingeln, Euch gefangennehmen, und Ihr seid alle des Todes.“ Als er sich umsah, erkannte er, daß er in einer Falschmünzerwerkstatt gelandet war. Die Männer ließen den Grafen ziehen, wenn er nichts von dem verrate, was er hier gesehen habe.
Jahre später saß Graf Anton Günther eines Abends im heimischen Schloß an seinem Schreibtisch, als es klopfte. Wie es seine Gewohnheit war, rief der Graf: „Herein, wer einen Kopf hat.“ Ein wohlgekleideter Mann betrat den Raum und sprach: „An diesem Wort erkenne ich Euch, Herr.“ Der Besucher war einer der Falschmünzer aus jenem angeblichen Spukschloß in Holstein. „Ihr habt Wort gehalten“, sprach er weiter, „und nichts von dem verraten, was Ihr damals gesehen. Dafür sollt Ihr belohnt werden. Im Blauen Haus am Damm steht für Euch ein edles Roß bereit, das Euer würdig ist.“ Mit diesen Worten verschwand der Fremde.
Graf Anton Günther schickte einen Diener zum Blauen Haus. Dort fand er den Kranich, das schönste Pferd, das er je gesehen hatte. Das Tier wieherte freudig, als es dem Grafen vorgeführt wurde, und war fortan das liebste Pferd des Grafen.
Noch heute, zur Kramermarktszeit, wird Graf Anton Günthers Andenken alljährlich geehrt. Dann reitet er auf seinem legendären Kranich dem großen Kramermarktsumzug voran.
Nacherzählt von Isabelle Yeginer
Die Gertrudenlinde zu Oldenburg
Ein Lindenbaum auf dem Oldenburger Gertrudenfriedhof erinnert an das tragische Schicksal eines armen Waisenmädchens, das vor langer Zeit im Haus eines reichen Kaufmannes aufgenommen wurde. Der Kaufmann hatte einen mißratenen Sohn namens Oltmann, der, statt zu heiraten, sich lieber herumtrieb und das Geld des Vaters verpraßte.
Als nun das Waisenmädchen Gerlinde im Haushalt aufgenommen wurde, gewann es in seiner fleißigen, sittsamen und ehrlichen Art schnell die Herzen des Kaufmannes und seiner Frau. Sohn Oltmann aber hatte es auf das junge Mädchen abgesehen, und näherte sich ihm eines Morgens nach durchzechter Nacht, um dem Mädchen Gewalt anzutun. Gerlinde drohte, laut zu schreien. Da ließ der Kaufmannssohn von ihr ab. Seine Rache jedoch sollte grausam sein.
Eines Tages stahl der böse Oltmann ein paar Stücke vom väterlichen Silber und versteckte sie im Schrank der treuen Gerlinde. Als die kostbaren Stücke bei ihr gefunden wurden, wurde das arme Mädchen des Diebstahls bezichtigt und zum Tode verurteilt.
Ein langer Zug neugieriger Menschen begleitete das fromme Mädchen auf seinem letzten Weg zum Galgenfeld außerhalb der Stadtmauern. Gerlinde aber hob vom Wegesrand einen dürren Lindenzweig auf, und als sie zur Gertruden-Kapelle kam, kniete sie nieder, steckte den vertrockneten Zweig verkehrt herum in die Erde, betete und sprach: „Ich bin wahrhaftig unschuldig, so gewiß, wie dieser Zweig wird Wurzeln schlagen und zu einem Lindenbaum heranwachsen.“ Das Todesurteil wurde vollstreckt. Am siebten Tag grünte der Lindenzweig und wuchs heran zu einem gewaltigen Baum. So erfüllten sich die letzten Worte des Waisenmädchens Gerlinde. Der Kaufmannssohn Oltmann aber bekannte erst auf dem Sterbebett seine Schuld.
Nacherzählt von Isabelle Yeginer
Zuletzt geändert am 30. Juni 2026





