Die Gertrudenlinde zu Oldenburg

Ein Lindenbaum auf dem Oldenburger Gertrudenfriedhof erinnert an das tragische Schicksal eines armen Waisenmädchens, das vor langer Zeit im Haus eines reichen Kaufmannes aufgenommen wurde. Der Kaufmann hatte einen mißratenen Sohn namens Oltmann, der, statt zu heiraten, sich lieber herumtrieb und das Geld des Vaters verpraßte.

Als nun das Waisenmädchen Gerlinde im Haushalt aufgenommen wurde, gewann es in seiner fleißigen, sittsamen und ehrlichen Art schnell die Herzen des Kaufmannes und seiner Frau. Sohn Oltmann aber hatte es auf das junge Mädchen abgesehen, und näherte sich ihm eines Morgens nach durchzechter Nacht, um dem Mädchen Gewalt anzutun. Gerlinde drohte, laut zu schreien. Da ließ der Kaufmannssohn von ihr ab. Seine Rache jedoch sollte grausam sein.
Eines Tages stahl der böse Oltmann ein paar Stücke vom väterlichen Silber und versteckte sie im Schrank der treuen Gerlinde. Als die kostbaren Stücke bei ihr gefunden wurden, wurde das arme Mädchen des Diebstahls bezichtigt und zum Tode verurteilt.

Ein langer Zug neugieriger Menschen begleitete das fromme Mädchen auf seinem letzten Weg zum Galgenfeld außerhalb der Stadtmauern. Gerlinde aber hob vom Wegesrand einen dürren Lindenzweig auf, und als sie zur Gertruden-Kapelle kam, kniete sie nieder, steckte den vertrockneten Zweig verkehrt herum in die Erde, betete und sprach: „Ich bin wahrhaftig unschuldig, so gewiß, wie dieser Zweig wird Wurzeln schlagen und zu einem Lindenbaum heranwachsen.“ Das Todesurteil wurde vollstreckt. Am siebten Tag grünte der Lindenzweig und wuchs heran zu einem gewaltigen Baum. So erfüllten sich die letzten Worte des Waisenmädchens Gerlinde. Der Kaufmannssohn Oltmann aber bekannte erst auf dem Sterbebett seine Schuld.

Nacherzählt von Isabelle Yeginer