Graf Anton Günther und sein Kranich

Graf Anton Günthers Liebe zu Pferden ist historisch belegt und legendär zugleich. So gelang es Anton Günther (1583-1667) erwiesenermaßen, durch geschicktes Verschenken zahlreicher Pferde aus einer Zucht, Oldenburg vollständig aus dem Dreißigjährigen Krieg herauszuhalten. Sein allerliebstes Pferd war der Apfelschimmel „Kranich“, den der Graf selbst auf mysteriöse Weise geschenkt bekam.

Auf einer seiner diplomatischen Reisen suchte Graf Anton Günther einst im Holsteinischen ein Nachtquartier. Doch alle Betten in der Herberge waren belegt. So mußte der Graf in einem halbverfallenen Schloß übernachten, in dem es angeblich spukte.

Kaum hatte Graf Anton Günther sich im Spukschloß zum Essen gesetzt, da klopfte es an der Tür. Wie es seine Gewohnheit war, rief der Graf: „Herein, wer einen Kopf hat.“ Die Tür ging auf und eine feurige Gestalt stürzte sich auf den Grafen. Der zog beherzt den Degen und schlug den Kerl in die Flucht. Damit nicht genug des Mutes. Graf Anton Günther folgte der Gestalt durch das verfallene Schloß bis in den Keller, wo plötzlich sechs Männer über ihn herfielen und ihn töten wollten. Anton Günther aber gebot ihnen Einhalt: „Mein Volk weiß, wo ich bin. Wenn ich aus diesem Schloß nicht zurückkehre, wird man es umzingeln, Euch gefangennehmen, und Ihr seid alle des Todes.“ Als er sich umsah, erkannte er, daß er in einer Falschmünzerwerkstatt gelandet war. Die Männer ließen den Grafen ziehen, wenn er nichts von dem verrate, was er hier gesehen habe.

Jahre später saß Graf Anton Günther eines Abends im heimischen Schloß an seinem Schreibtisch, als es klopfte. Wie es seine Gewohnheit war, rief der Graf: „Herein, wer einen Kopf hat.“ Ein wohlgekleideter Mann betrat den Raum und sprach: „An diesem Wort erkenne ich Euch, Herr.“ Der Besucher war einer der Falschmünzer aus jenem angeblichen Spukschloß in Holstein. „Ihr habt Wort gehalten“, sprach er weiter, „und nichts von dem verraten, was Ihr damals gesehen. Dafür sollt Ihr belohnt werden. Im Blauen Haus am Damm steht für Euch ein edles Roß bereit, das Euer würdig ist.“ Mit diesen Worten verschwand der Fremde.

Graf Anton Günther schickte einen Diener zum Blauen Haus. Dort fand er den Kranich, das schönste Pferd, das er je gesehen hatte. Das Tier wieherte freudig, als es dem Grafen vorgeführt wurde, und war fortan das liebste Pferd des Grafen.

Noch heute, zur Kramermarktszeit, wird Graf Anton Günthers Andenken alljährlich geehrt. Dann reitet er auf seinem legendären Kranich dem großen Kramermarktsumzug voran.

Nacherzählt von Isabelle Yeginer