Verantwortung

Kunst und Kultur sind Seismografen für gesellschaftliche Entwicklungen. Als eine der künstlerischen Ausdrucksformen vermag die Literatur weit mehr als abendliche Einschlafhilfe, willkommene Ablenkung nach einem langen Arbeitstag oder leichte Unterhaltung im Sommerurlaub zu bieten. Sie ist vor allem eines der zentralen Erkenntnismittel unserer Welt: weil sie den Erscheinungsformen und Befindlichkeiten der Gegenwart sprachlichen Ausdruck verleiht. Unser Programm reflektiert deshalb durch die Aktualität seines Gegenstandes immer auch gesellschaftliche Debatten und Diskurse. Die Gespräche über Literatur, die für unsere Veranstaltungen typisch sind, binden wir zudem explizit in kulturelle, soziale und politische Zusammenhänge ein. Durch die eingeladenen Moderatorinnen und Moderatoren und in der Reihe „Konstellationen“ mit Seitensprüngen in verschiedene wissenschaftliche Disziplinen. Die Veranstaltungen des aktuellen Programms stellen Bücher in den Fokus, in denen es um politische Verfolgung und Flucht geht, um Suchbewegungen und den Einfluss von Erinnerungen auf unsere Identität.

Auch die Germanisten der Carl von Ossietzky Universität stellen sich im Sommersemester in einer Ringvorlesung der Frage, welche Rolle Literatur und Literaturwissenschaft in gegenwärtigen Diskursen spielen können. Sie machen die gesellschaftliche Verantwortung ihres Forschungsgegenstands zum Thema. Wir sind gerne dabei und bitten Roman Ehrlich zu Lesung und Gespräch, einen Schriftsteller, in dessen letzten Veröffentlichungen die Folgen des Klimawandels, der Globalisierung und des weltweiten Massentourismus literarisch verhandelt werden. In Malé steht mit dem Klimanotstand eines der dringendsten Probleme der Menschheit im Mittelpunkt. Tragisch, dass auch die Aussteiger, die die Hauptstadt der Malediven in einer nahen Zukunft bewohnen, ihre noch nicht im Meer versunkenen Bereiche mit Müll überziehen. Der Fährmann, letzter verbliebener Malediver, entsorgt ihn diskret. Ohne zu moralisieren markiert der Roman den Massentourismus als einen Verursacher des Klimawandels; den kollektiven Wunsch nach einer Auszeit im „Paradies“. Mit Malé hatten wir den Schriftsteller im Oktober 2020 in die LiteraTour Nord eingeladen. Jetzt spricht er mit dem Oldenburger Literaturwissenschaftler Thomas Boyken über seinen literarischen Essay Überfahrt. Das Buch ging aus einer gemeinsamen Reise mit dem Fotografen Michael Disqué hervor. Zusammen verbrachten sie vierzig Tage auf einem Containerschiff, das von Hamburg nach Qingdao fuhr. Auch hier klingt als ein Grundton die Kritik am Massentourismus an. An der „vollversorgten Freizeit“, die Kreuzfahrtunternehmen ihren Pauschaltouristen bieten. Aber Sie als Leserinnen und Leser wissen ja, dass uns auch die Lektüre von Literatur in andere Welten führen kann. Ganz ohne Rücktrittsklauseln und Frühbucherrabatt.

Ed