Editorial

Warmduscher, Schattenparker, Wollpulli-Verweigerer

„Der Begriff Warmduscher“, heißt es im Wikipedia-Eintrag, „ist eine spaßhafte oder beleidigende Bezeichnung für eine Person, die subjektiv für schwächlich oder feige gehalten wird.“ Oder die noch immer keine Konsequenzen aus der Energie-Krise gezogen hat, könnte die Definition in diesen Tagen ergänzt werden. Gegen Ende der 1990er Jahre sah sich der so Verhöhnte ähnlichem Spott ausgesetzt wie sein vermeintlicher Gesinnungsgenosse, der Schattenparker. Gegen den Wunsch nach einem kühlen Kopf im Auto ist generell nichts einzuwenden. Aber find mal anständigen Schatten in den glutheißen Sommern, die wir mittlerweile auch in Norddeutschland erleben. In den städtischen Sporthallen ist der Vorwurf des Warmduschens seit Wochen obsolet. Wie Sie es zuhause mit dem warmen Wasser und der Raumtemperatur halten, geht mich nichts an. An die Absprachen, die wir als Veranstalter im Wilhelm13 mit dem Vorstand dessen Trägervereins getroffen haben, bin ich jedoch gebunden. Gut. Warmes Wasser zum Händewaschen gab es im Musik- und Literaturhaus noch nie. Ist ja auch absolut überflüssig. Eine Heizung aber gibt es durchaus, und die ist in den Wintermonaten der vergangenen Jahre stets zum Einsatz gekommen.
Die ursprüngliche Bezeichnung unserer Spielstätte als sogenannte Isolierbaracke könnte zu der Annahme verleiten, das Haus sei bestens gegen Wärme und Kälte gerüstet. Pustekuchen. Seine Bauherren hatten 1914 andere Isolierungen im Sinn. Das Wilhelm13 diente ab 1915 der Aufnahme von Patienten, bei denen ansteckende Krankheiten wie Typhus, Scharlach, Diphterie und TBC diagnostiziert worden waren. In den ersten Jahren, in denen wir das Haus für unser Literaturprogramm nutzen konnten, schien mir der alte Name noch charmant zu sein für ein Kulturhaus. Augenzwinkernd sprach ich vom gutartigen Virus der Begeisterung für Literatur. Nach zwei Corona-Jahren bin ich zurückhaltender mit solchen Wortspielen. So hat sich unser Leben verändert.

Verändern werden wir im Wilhelm13 auch das Heizverhalten und die gewünschte Raumtemperatur etwas niedriger ansetzen als in den vergangenen Wintern. Frieren sollen Sie nicht. Dennoch wird es besser sein, wenn Sie Ihre Garderobe an die Gegebenheiten anpassen. Das sagte unlängst auch mein Lungenarzt, nachdem er mich im Behandlungszimmer zwanzig Minuten lang bibbernd im Luftzug zwischen offener Tür und offenem Fenster warten lassen hatte. Selbst schuld, wenn ich Anfang Oktober an einem Tag mit prognostizierten 18 Grad Höchsttemperatur das Haus ohne Wollpulli verlasse. Denken Sie also bitte an ein warmes Kleidungsstück, wenn Sie demnächst unser Programm besuchen. Oder kommen Sie einfach zu allen Veranstaltungen. Je mehr Menschen im Wilhelm13 sind, umso wärmer haben wir es gemeinsam bei den Lesungen des Literaturhauses. Fröhliches Stricken!
Ed
 

Zuletzt geändert am 29. November 2022