Was isoliert werden muss

Seit zehn Jahren präsentieren wir unser Programm im Wilhelm13. Die bescheidene Holzarchitektur direkt hinter dem Kulturzentrum PFL, das noch bis 1984 als Krankenhaus genutzt wurde, ist eine ehemalige Isolierbaracke. Heute gilt sie – längst denkmalgeschützt – als seltenes Beispiel für den um 1900 entstandenen mobilen Lazarettbau. Wer mag, kann die Geschichte des Hauses auf der Homepage der Spielstätte nachlesen: 1914 erteilte die Leitung des Peter Friedrich Ludwig-Hospitals dem Roten Kreuz den Auftrag, auf dem Gelände des Krankenhauses eine Sonderisolierstation zu errichten. Schon ein Jahr später war die Baracke fertiggestellt und nahm Patienten auf, die an ansteckenden Krankheiten wie Typhus, Scharlach, Diphterie und TBC erkrankt waren. Durch die Verbesserung der Wohnverhältnisse wurden diese Krankheiten in den 20er Jahren zurückgedrängt, doch ab 1940 diente das Haus dem PFL-Hospital erneut als Isolierstation.

Was isoliert werden muss: Leitungen und Rohre. Auch Dächer zum Wärmeschutz. Wände zur Dämmung. Stoffe aus Verbindungen, die in reiner Form verwendet werden sollen. Menschliche Körper beim Sport im Winter. Und neuerdings Corona-Infizierte. In sogenannter häuslicher Quarantäne. Oder in Krankenhäusern. Nein, ich habe keine Angst, dass wir unsere Spielstätte wieder abgeben müssen, damit sie erneut als Isolierstation zum Einsatz kommen kann. Heute würde wohl niemand mehr auf die Idee kommen, ohnehin schon geschwächte Menschen in einem Haus zu pflegen, dass baulich in keiner Weise isoliert ist, weder gegen Wärme, noch gegen Kälte. Anstecken wollen wir unser Publikum nur mit der Begeisterung für Literatur und den öffentlich über sie geführten Diskurs. Im Wilhelm13 machen wir das seit zehn Jahren in bester musikalischer Nachbarschaft. Deshalb feiert der Trägerverein des Hauses in diesem Frühjahr dessen runden Geburtstag. „Wenn wir das Wort Baracke hören, denken wir meist an etwas Provisorisches, Behelfsmäßiges, jedenfalls nicht an etwas, das von längerer Dauer ist“, formulierte Jörgen Welp in einem Vortrag, den er 2015 zum fünfjährigen Bestehen des Wilhelm13 hielt. Da gab es die Isolierbaracke hinter dem PFL schon seit hundert Jahren. Bei ihrem Bau war man von einer maximalen Lebensdauer von zehn bis fünfzehn Jahren ausgegangen, was, so Welp, damals durchaus als verhältnismäßig lange Nutzungszeit eingeschätzt worden war. Dass sie sich damit schon vielfach überlebt hat, werten wir als gutes Omen für die Zukunft unserer Spielstätte. Unser Programm soll das wackere Holzhaus jedenfalls so lange wie eben möglich beherbergen und in die Stadt und die Region hinaustragen. Wie eine gutartige Ansteckung.

Ed