Lebensbibliotheken

Im September 2020 war Jan Brandt als Stipendiat des Literaturhaues eine gute Woche lang im Oldenburger Land unterwegs. Die kurze Reise sollte zu einem Text führen, der 2021 bei einer Lesereise vorzustellen wäre, die den Stationen der ersten Tour entsprechen würde. Weil dem Schriftsteller bewusst war, dass er als Außenstehender in der knappen Zeit nur einen oberflächlichen Eindruck der besuchten Region gewinnen könnte, weil die Entscheidungen für seine Unternehmungen zwangsläufig willkürlich bleiben würden, wäre er gerne vor Ort ungeplant mit Menschen ins Gespräch gekommen. Die Rahmenbedingungen für den Literarischen Landgang gab jedoch 2020 nicht das Literaturhaus, sondern das Corona-Virus vor. An spontane Begegnungen war damit nicht zu denken. Deshalb suchte Jan Brandt sich schon vor dem Antritt seiner Erkundungstour für jede Station einen Ansprechpartner. Diese „Paten“ traf er unterwegs und führte lange Gespräche mit ihnen. Sie bilden die Grundlage für Die Gangland-Chroniken, die er im Anschluss an die Reise schrieb.

In Jever besuchte er die Bibliothek des Mariengymnasiums. Sein Gespräch mit ihrer Leiterin kreiste um Feminismus, um den Stellenwert von Literatur, von Büchern als historischen Quellen. Um Bildung. Das Prunkstück der Bibliothek ist die Schedelsche Weltchronik von 1493, ein Meisterwerk des Buchdrucks. Vor zwei Jahrzehnten beschäftigte sich Jan Brandt als Student in einer Hausarbeit mit dem herausragenden Werk, das auch der ungebildeten Bevölkerung eine Vorstellung von der Beschaffenheit der Welt vermitteln sollte. Eine Formulierung Hartmann Schedels, die er im Rahmen seiner Arbeit zitierte, könnte als Motto über der Bibliothek stehen, stellte deren Leiterin fest: „Sammelt das Verstreute, damit es nicht verlorengeht.“

„Und in dem Moment muss ich daran denken“, schreibt Jan Brandt in seiner literarischen Reportage, „dass sich das Verstreute in jeder Bibliothek neu zusammensetzt, dass sich über die Bestände neue Bezüge ergeben, die die Schichten des Sammelns durchdringen, und dass auch die Lebensbibliothek so funktioniert: Die eigenen Geschichten verbinden sich mit anderen, fremden, hinzugekommenen, sie durchdringen und verändern sich, und manche erfüllen sich auch, finden ein Ende, so wie meine Studienzeit hier einen Abschluss gefunden hat, den ich damals, als ich an der Hausarbeit schrieb, nie für möglich gehalten hätte.“ Sein Konzept der Lebensbibliothek gefällt mir gut. Ist er deshalb, frage ich mich, als Autor ein Geschichtensammler? Sind ihm Gespräche deshalb so wichtig? Fragt er deshalb in den Gesprächen, die er führt, sein Gegenüber nach dessen Lebensweg? Weil sich Geschichten nur im Austausch durchdringen und verbinden können. Wenn es nach mir geht: gerne auch im Austausch über Literatur.

Ed