Kriegsopfer erhalten Namen zurück

Erinnerungszeichen auf dem Jüdischen Friedhof übergeben

In einer kleinen Gedenkveranstaltung auf dem Alten Jüdischen Friedhof hat Oberbürgermeister Jürgen Krogmann gemeinsam mit der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg, Dr. Elisabeth Schlesinger, am Dienstag, 22. Juni 2021, dem 80. Jahrestag des Überfalls der Sowjetunion, ein Erinnerungszeichen für die dort anonym beerdigten Kriegstoten übergeben. Die 56 Opfer, 48 Soldaten und acht Zivilisten sowjetischer, polnischer und unbekannter Herkunft, wurden in der Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1941 und 1943 namenlos in einem Sammelgrab begraben – ein Akt, der zudem eine Schändung des Jüdischen Friedhofs darstellt. „Das Erinnerungszeichen gibt den Opfern ihre Identität wieder“, sagte Krogmann. In dem eigens für die Grabstelle geschaffenen Kunstwerk von Amir Omerović sind die Namen und Lebensdaten, soweit bekannt, eingestanzt. Zur Übergabe gehörte auch das Verlesen der Namen der Opfer durch Leonid Shekhtman, einem russischen Mitglied der hiesigen Jüdischen Gemeinde.

Das Erinnerungszeichen

Das Erinnerungszeichen wurde von dem Bremer Künstler Amir Omerović, mehrfach ausgezeichneter Bildhauer und Lehrbeauftragter der Bremer Hochschule für Künste, geschaffen. Vorausgegangen war ein beschränkt ausgeschriebener künstlerischer Wettbewerb. Das Kunstwerk besteht aus drei oxidierten Cortenstahlwegen mit eingelassenen Fußabdrücken, die auf eine Bronzeplattform einmünden. Die persönlichen Angaben zu den Opfern sowie ein kleiner Informationstext sind auf der Vorderseite des Sammelgrabs in den umrandenden Stahlplatten zu finden. „Amir Omerović gelingt es in seiner künstlerischen Umsetzung trefflich, die Besonderheit des Ortes auf dem Jüdischen Friedhof und die Erinnerung an die Kriegsopfer einfühlsam zu verknüpfen und damit ein würdevolles Gedenken zu ermöglichen“, heißt es in der Begründung der Jury.

Überfall der Sowjetunion

Am 22. Juni 1941 marschierten Wehrmachtstruppen gemäß der nationalsozialistischen Ideologie vom „Lebensraum im Osten“ ohne Kriegserklärung in die Sowjetunion ein. Mit dem „Unternehmen Barbarossa“ begann ein Vernichtungsfeldzug mit 27 Millionen sowjetischen Toten. Mehr als drei Millionen gefangene Sowjetsoldaten starben aufgrund der unmenschlichen Bedingungen in deutschen Lagern.

Kriegsopfer auf dem Jüdischen Friedhof

Die Kriegsopfer kamen überwiegend aus dem Kriegsgefangenenlager Wietzendorf in der Lüneburger Heide, dem zeitweise größten sowjetischen Stammlager. Sie waren verschiedenen Arbeitslagern zugeordnet und mussten bei unzureichender Ernährung als Zwangsarbeiter schwerste Arbeiten verrichten. Die meisten verstarben an den Folgen von Unterernährung, Krankheiten oder durch Gewalteinwirkung. Die Verstorbenen wurden würdelos in einem Sammelgrab beerdigt. Das Grab war bislang lediglich mit einem schlichten Gedenkstein aus den 1950er Jahren ohne Namensnennungen versehen. In enger Abstimmung mit der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg kann nun entsprechend dem Gräbergesetz die Erinnerung an die Folgen von Krieg und Gewaltherrschaft wachgehalten und der bislang anonym bestatteten Opfer gedacht werden.

Die Geschichte des Jüdischen Friedhofs

Der Jüdische Friedhof in Osternburg stammt aus dem Jahr 1814. Die Begräbnisstätte umfasst etwa 300 Grabstellen. Auch die drei Landesrabbiner Bernhard Wechsler, Dr. David Mannheimer und Dr. Philipp de Haas haben auf diesem Friedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Der Jüdische Friedhof ist in der Geschichte seines Bestehens wiederholt geschändet worden, so auch in der Pogromnacht am 9./10. November 1938, als die jüdischen Mitbürger Oldenburgs verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert wurden. Die Synagoge an der Peterstraße wurde in Brand gesetzt, ebenso die 1921 auf dem Jüdischen Friedhof errichtete Trauerhalle. Während die Synagoge komplett ausbrannte, blieb die Grundsubstanz der Trauerhalle weitgehend unbeschädigt. Zwischen 1941 und 1943 schändeten die Nationalsozialisten den Jüdischen Friedhof erneut, indem sie die 56 Kriegstoten dort verscharrten. Zudem wurde, vermutlich im Jahr 1943, ein Luftschutzrundbunker auf dem Friedhof errichtet, dessen Abriss in den 1960er Jahren erfolgte.

Nach Kriegsende wies die britische Militärregierung die Stadtverwaltung an, den Friedhof wiederherzurichten. Einzelne Grabsteine, die Außenmauer sowie das Eingangstor wurden daraufhin repariert. Die Trauerhalle wurde Anfang der 1950er Jahre vorläufig und erst in den 1970er Jahren komplett saniert.

 

Nähere Angaben zu den Kriegsopfern sind in Arbeit und  werden in Kürze veröffentlicht.