Die Seelen des Dreitotenhauses
von Alessa
Im Dorf, wo der Schnee selbst im Frühling nicht ganz verschwand, stand am Rand des Waldes ein Haus, das man nur flüsternd erwähnte: das Dreitotenhaus. Man erzählte sich im Dorf, dass das Dreitotenhaus sich manchmal jemanden nahm. Nicht laut, nicht gewaltsam, sondern leise, fast höflich, als würde man einfach vergessen wieder zurückzukehren. Und Stella hatte diese Geschichten nie ganz abschütteln können. Nicht weil sie leicht zu erschrecken war – im Gegenteil. Sie war diejenige, die blieb, wenn andere längst gegangen waren. Aber genau das war es: Sie wusste, wie schnell man übersehen wurde, wie leicht jemand verschwinden konnte, ohne dass die Welt innehielt. Vielleicht ging sie deshalb. Nicht aus reiner Neugier, sondern aus Trotz. Weil sie sich selbst beweisen wollte, dass man nicht einfach ausgelöscht wird, nur weil ein Ort es verlangt. Und vielleicht auch, weil ein kleiner, leiser Teil von ihr wissen wollte, ob dort wirklich jemand war, der nie zurückgefunden hatte. An einem blassen Nachmittag, als der Himmel wie zerstreutes Glas wirkte, stand Stella am Waldrand und verschränkte die Arme. „Also gut“, murmelte sie trocken, „wenn ich verschwinde, sag den anderen, dass ich wenigstens stilvoll gegangen bin!“ Neben ihr stand Adrian, die Hände tief in den Taschen. Sein Blick lag ruhig auf dem dunklen Pfad vor ihnen. „Du verschwindest nicht“, sagte er schlicht. „Ich bin ja da.“ Das klang nicht groß, nicht wie ein Versprechen aus Heldensagen, aber Stella kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass es genau das war. Hinter ihnen näherte sich Misses Elderly, in einen dicken Mantel gehüllt, mit diesem sanften Blick, der gleichzeitig Sorge trug. „Ihr zwei“, sagte sie leise, „manchmal gibt es Orte, die man besser in Ruhe lässt.“ Sie lächelte dennoch, als würde sie wissen, dass diese Worte kaum Gewicht hatten, wenn Neugier erst einmal Wurzeln geschlagen hatte. „Aber wenn ihr schon geht, dann nicht ohne mich.“ So gingen sie zu dritt. Der Wald verschluckte Geräusche, als hätten die Bäume beschlossen, jedes Geräusch für sich zu behalten. Selbst ihre Schritte klangen gedämpft, als liefen sie durch eine Erinnerung. Und dann stand es vor ihnen. Das Dreitotenhaus. Still und von einer Kälte umgeben, die nicht vom Wetter kam. Die Fenster wirkten wie Augen und die Tür stand einen Spalt offen, als hätte jemand sie vor langer Zeit aufgestoßen und dann vergessen, sie je wieder zu schließen. Stella trat näher. „Gemütlich“, sagte sie trocken. „Fehlt nur noch eine Einladung.“ Adrian trat neben sie, kaum hörbar, aber präsent wie ein Schatten, der sich weigerte von ihrer Seite zu weichen. „Wenn etwas passiert“, murmelte er, ohne sie anzusehen, „gehst du zuerst.“ Stella zog eine Augenbraue hoch. „Und lasse dich hier allein den Helden spielen?“, sie lächelte kurz. „Keine Chance.“ Misses Elderly legte eine Hand an die Tür. „Manchmal“, sagte sie sanft, „sind die, die geblieben sind, nicht böse. Nur... vergessen.“ Die Tür öffnete sich weiter, fast von selbst. Drinnen war die Luft alt. Nicht nur staubig, sondern schwer von etwas, das man nicht benennen konnte. Wie Worte, die nie ausgesprochen wurden. Ein leises Flüstern zog durch den Raum. Nicht bedrohlich. Nicht ganz. Eher... traurig. Stella blieb stehen. Ihr Sarkasmus fiel für einen Moment von ihr ab wie Schnee von einem Ast. „Hört ihr das?“ Adrian nickte. Seine Haltung blieb ruhig, doch seine Augen waren wach, wach genug für sie beide. „Ja“, antwortete er. Misses Elderly trat einen Schritt vor. „Ihr müsst keine Angst haben“, sagte sie in den Raum hinein, ihre Stimme warm wie ein Licht in der Dämmerung. „Wir sind nur gekommen, um zuzuhören.“ Das Flüstern wurde deutlicher. Drei Stimmen. Leise, brüchig, wie Erinnerungen, die sich selbst kaum noch erkennen. Bilder flackerten durch den Raum, kaum sichtbar: ein Tisch, an dem niemand mehr saß. Hände, die sich einst gehalten hatten. Ein Lachen, dass längst verklungen war. Stella schluckte hörbar. „Die sind nicht... gefährlich“, flüsterte sie. „Nein“, sagte Misses Elderly sanft. „Sie sind allein.“ Für einen Moment sagte niemand etwas. Dann trat Stella einen Schritt vor, trotz allem. „Hey“, sagte sie, vorsichtig aber klar. „Ihr seid nicht vergessen. Nicht mehr.“ Adrian blieb dicht hinter ihr, still wie immer, aber bereit, als würde er jeden Schatten in Stücke reißen, sollte er es wagen, sie zu berühren. Das Flüstern veränderte sich. Es wurde... ruhiger. Wärmer. Als hätte jemand ein Fenster geöffnet, durch das endlich Licht fiel. Die Kälte im Raum wich langsam zurück, und für ein Augenblick wirkte das Dreitotenhaus weniger wie ein Ort des Endes und mehr wie einer des Abschieds. Misses Elderly lächelte sanft. „Manchmal“, sagte sie leise, „brauchen Seelen nur jemanden, der sie sieht.“ Als sie das Haus wieder verließen, war der Wald nicht mehr ganz so still. Ein Windzug strich durch die Bäume und irgendwo sang ein Vogel, als hätte er nur darauf gewartet. Stella atmete tief ein. „Okay“, sagte sie schließlich. „Das war... weniger schrecklich als erwartet.“ Adrian sah kurz zu ihr. „Hab ich doch gesagt.“ Sie stieß ihn leicht mit der Schulter an. „Du hast gar nichts gesagt, Einsneunzig“. Ein kaum sichtbares Lächeln zuckte um seine Lippen. Und hinter ihnen stand das Dreitotenhaus still im Schnee... aber nicht mehr ganz so einsam wie zuvor.
Zuletzt geändert am 28. April 2026