Der Mythos des Dreitotenhauses
von Anna, Raúl, Lea und Marisa
Es war einmal ein altes, halb verfallenes Haus am Rand eines dunklen Waldes, das alle nur das Dreitotenhaus nannten. Die morschen Balken hingen schief, Fenster waren eingeschlagen und das Dach war an vielen Stellen eingefallen. Jedes Kind im Dorf kannte den Mythos, der seit Jahrzehnten erzählt wurde. Man glaubte, dass dort der Geist der bösen Misses Elderly lebte. Niemand wusste genau, wie sie aussah, nur dass niemand, der ihr begegnete, je zurückkam.
Eines Abends wollte sich Stella dort mit Adrian treffen, um dem Mythos endlich auf den Grund zu gehen. Nervös trat sie von einem Fuß auf den anderen und schaute sich suchend um. Als sie am Haus ankam, war Adrian noch nicht da. Die Luft war schwer und roch nach feuchter Erde, altem Holz und etwas Moderigem, als hätte das Haus selbst angefangen zu verrotten. Ein kalter Wind pfiff durch die zerbrochenen Fensterrahmen und brachte einen süßlich-fauligen Geruch mit sich. Plötzlich öffnete sich die Tür wie von Zauberhand. Ein langgezogenes Knarren hallte durch die Stille, während Adrians Stimme aus dem Inneren ertönte: „Ich warte schon auf dich!“ Zögernd trat Stella ein. Der Boden unter ihr gab leicht nach und jeder Schritt ließ die Dielen knacken. Im Haus war es stickig und ein beißender Geruch von Staub, Schimmel und etwas Unbeschreiblichem lag in der Luft, als hätte sich hier jahrelang nichts bewegt. Auf einmal erschien vor ihr eine Gestalt. Grau und durchsichtig, wie aus Nebel geformt. Ihre Haut wirkte rissig wie altes Pergament und ihr Gesicht war eingefallen mit tiefen, dunklen Augenhöhlen, in denen ein schwaches, kaltes Leuchten flackerte. Ihr langes, dünnes Haar hing strähnig herab, als wäre es nass, und bewegte sich, obwohl kein Wind ging. Ihre Finger waren unnatürlich lang und knochig. Bei jeder Bewegung hinterließ sie eine Spur eisigen Dunstes. Ein stechender Geruch von Verwesung und abgestandener Luft breitete sich aus, je näher sie kam. Mit einer unheimlich kratzenden Stimme sagte sie: „Du bist meine Erlösung!“ Stella wich zurück, ihr Herz raste. Sie wollte fliehen, doch mit einem lauten Krachen verriegelten sich Türen und Fenster wie von selbst. Panik stieg in ihr auf. „Misses Elderly?“, rief sie zitternd. Ein schrilles, hallendes Lachen erfüllte den Raum. „Ja, mein Kind. Ich will dir doch nichts Böses …du bist noch so jung und schön. Ich hingegen bin alt… vergessen… allein. Komm zu mir. Ich möchte deine Wärme spüren.“ Die Gestalt begann sich aufzulösen, verwandelte sich in einen wirbelnden, grauen Nebel und umhüllte Stella wie ein eiskalter Sturm. Der Geruch wurde unerträglich, als würde die Luft selbst sterben. Gerade als Stella glaubte, sie könne nicht entkommen, stürmte Adrian herein. Er stellte sich mutig vor sie. In seinen Händen hielt er einen ungewöhnlichen Krug. Der Krug war aus dunklem, fast schwarzem Ton gefertigt und mit feinen, silbrig schimmernden Rissen durchzogen, die schwach pulsierten, als würde etwas darin leben. Alte, kaum lesbare Symbole waren in seine Oberfläche eingeritzt und aus seiner Öffnung drang ein kalter Luftzug, begleitet von einem leisen Flüstern. „Zurück!“, rief Adrian entschlossen. Mit festem Griff hob er den Krug und sprach Worte, die Stella nicht verstand. Der wirbelnde Geist wurde plötzlich wie von einer unsichtbaren Kraft angezogen. Misses Elderly schrie: „Der Krug des Todes…neinnn!“, während sie in den Krug gesogen wurde. Der Nebel verdichtete sich, kämpfte, doch schließlich verschwand er vollständig im Inneren. Mit einem dumpfen Geräusch verschloss sich der Krug von selbst und die Risse auf seiner Oberfläche leuchteten kurz hell auf, bevor sie erloschen. Plötzlich begann das ganze Haus zu beben. Balken brachen, Wände rissen auf und Staub erfüllte die Luft. Ein letzter, fauliger Geruch stieg auf, als würde das Haus mit dem Geist sterben. „Lauf, der Krug ist das Herz des Hauses!“, rief Adrian. Gemeinsam rannten sie hinaus, gerade noch rechtzeitig, bevor das Dreitotenhaus hinter ihnen in sich zusammenbrach. Draußen atmete Stella tief ein. Die frische Luft fühlte sich wie ein Wunder an. Sie war erleichtert und zutiefst dankbar. Erst jetzt wurde ihr klar, wie sehr sie Adrian unterschätzt hatte. Adrian sah sie an, noch immer außer Atem. Stella lächelte schwach, ihre Angst wich langsam. Als ein Rieseln von Schutt ihre Aufmerksamkeit erregte. Wie von Zauberhand stand der Krug heil auf dem Trümmerhaufen und ein feiner Schimmer leuchtete auf.
Zuletzt geändert am 28. April 2026