Die Wärme des Schnees

von Emma J., Jonna und Hannah

Es ist ein kalter Wintertag. Misses Elderly hat uns Kakao gekocht und warme Wollsocken gegeben. Stella und ich sind auf der Hollywoodschaukel in Decken gewickelt. Meine riecht nach Rauch und Vanille, wie alles in der Wohnung der Marauns. Misses Elderly liest uns das Märchen der Schneekönigin vor; mein Lieblingsmärchen, das sie uns jedes Mal vorliest, wenn es schneit. Ich kann Stellas Schulter an meiner eigenen spüren. Ihre Nähe lässt mein Herz viel leichter fühlen und mich die beißende Kälte des Winters vergessen. Langsam, langsam und noch langsamer sinken wir in etwas Tiefes, etwas Erholendes. Wir beide, Schulter an Schulter, Kopf an Kopf, älter sind wir nun, älter als wir damals waren, als es das letzte Mal dazu kam, das wir so nahe schliefen.

Als die beiden wieder erwachten, waren sie noch immer im Schnee. Sie sahen eine magische Landschaft überzogen mit einer glänzenden Schicht, glitzernd. Sie standen auf, barfuß im Schnee. Als kalt empfanden sie es jedoch nicht, eher so wie Sand am Strand, warm und wohlfühlend. Stella fiel etwas auf und zeigte auf den Gegenstand, etwas Besonderes und Glänzendes. Adrian konnte es von so weit weg nicht erkennen. Er kniff seine Augen fast vollkommen zusammen und beschloss, sich dem Objekt zu nähern. Schritt für Schritt. War es ein Eiszapfen? Ein Blatt? Ein Diamant? Ein weiterer Schritt, die Form wurde schärfer. Ein weiterer Schritt, er erkannte die vage Kontur einer Perle. Ein weiterer Schritt und er sah einen Perlenring. Ein Perlenring so wunderschön und glänzend. Er bezauberte ihn förmlich. Langsam aber sicher zog Adrian sich den Ring über den Finger, schon fast zu gierig wirkte er mit seiner Tat. Der Ring erinnerte ihn an Stella. Er konnte nur an sie denken, an ihre atemberaubenden, meeresblauen Augen, ihr wunderschönes Haar und ihr Gesicht, welches er niemals vergessen würde. Adrian lief ein Schauer über den Rücken, ein ungutes Gefühl, das sich schlagartig bei ihm anschlich. Er drehte sich um und bevor er überhaupt bemerkte, dass sie nicht da war, rief er nach ihr, nach seiner Geliebten: „Stella!“ Aber niemand antwortete. Er sah kein Haus mehr, keine Terrasse und keine Stella. Er rannte und rief weiter nach seiner Geliebten, die vorherige Verbundenheit vollständig verschwunden. Der Schnee unter seinen nackten Füßen wurde langsam kalt und kälter mit jedem hastigen Schritt, so wie auch sein Herz, welches langsam und dann schneller erfror. Er rannte, sprintete schon fast durch den gefrorenen Wald. Woraufhin Adrian einen Schritt zu viel machte. Er fiel hinab in ein Loch, so dunkel. Er erkannte nichts, nicht einmal die eigene Hand vor seinem Gesicht. Auch das Funkeln der Landschaft war nun vollkommen verloren und dunkel wie eine einsame Nacht. Er fiel weiter und weiter, tiefer und tiefer, alleine, vollkommen alleine. Er schlug seine Arme um sich selbst und umarmte sich so fest er konnte, um die Einsamkeit alleine zu bestehen. Er fiel Minuten über Minuten, schon fast Stunden über Stunden. Er drehte sich und fror. Er vermutete, dass er schon ganz blau seien müsste.

Schlagartig bin ich wieder auf der Hollywoodschaukel, immer noch auf der Terrasse, immer noch an Stellas Schulter, welche im Schlaf ihren Kopf gegen meinen gelegt hat. Die Decke, in welche wir gewickelt waren, ist schon lange verloren gegangen, ersetzt mit einer Wärme; die Wärme des Wiedererlangens einer weit entfernten Erinnerung. Ich schaue hinab, hinab auf die Hand, welche in meiner liegt, ihre Hand, Stellas Hand. Ich fahre über die weiche Haut und bemerke etwas an ihrem Finger. Ein Ring, glänzend im Licht, ein silberner, versehen mit einer Perle, genau wie der, von welcher ich träumte.

Zuletzt geändert am 28. April 2026