Ehrenamt des Monats
Oldenburg lebt vom Engagement seiner Bewohnerinnen und Bewohner. Ob im sozialen Bereich, in der Kultur, im Sport, im Umwelt- oder Bildungsbereich – überall dort, wo Menschen sich mit Herz, Zeit und Ideen einbringen, entsteht Gemeinschaft. Genau diese Vielfalt möchten wir sichtbar machen.
50 Miles – Seafarer's Social Service Oldenburg
„Die Seeleute sind so dankbar, dass sie mal jemand anderen sehen und sich normal unterhalten können.“
Jürgen Steinecke, Regionalgeschäftsführer in Norddeutschland für die Humanistische Vereinigung, organisiert ehrenamtliches Engagement für Seeleute mitten in Oldenburg. Wir haben uns mit ihm und zwei Ehrenamtlichen über ihren Einsatz unterhalten.
In unserer Reihe „Ehrenamt des Monats“ erzählen Menschen von ihrem Engagement in verschiedenen Bereichen der Oldenburger Community. Bei diesem Interview sitzen wir in einer ehemaligen Bankfiliale in der Cloppenburger Straße. Der Club „50 Miles“ bietet allen Seeleuten während ihrer Liegezeit im Oldenburger Seehafen ein Zuhause für unterwegs.
Die vom Vormieter kostenfrei überlassene Einrichtung und das Mobiliar wurden bewusst kaum verändert. Das runde Design und verarbeitete Holz sind ein gemütlicher Gegenentwurf zur rauen Schiffswelt mit Kanten und Eisenecken. Jürgen Steinecke brennt für dieses Projekt – ein Mensch, der anpackt. Neben ihm am Tisch Till Andrzejewski und Claudia Bartsch, zwei Ehrenamtliche.
Warum braucht Oldenburg Menschen, die sich ehrenamtlich für Seeleute einsetzen?
Till Andrzejewski: Ich bin Wasserschutzpolizist und während der Corona-Pandemie ist mir aufgefallen, dass die Seeleute aufgrund fehlender Rückreisemöglichkeiten in die Heimat extrem lange auf ihren Schiffen verweilen mussten. Irgendwann ist mir ein Seemann begegnet, der seit sechs Monaten keinen Landgang mehr hatte und da ist mir der Kragen geplatzt. Auch nach Corona ist es wichtig, dass wir den Seeleuten einen Ort zum Ausspannen bereitstellen, außerhalb ihres Arbeitsplatzes Schiff.
Eine besondere Situation für die Seeleute, die oftmals ohne Sprachkenntnisse an ihrem Arbeitsort isoliert sind. Wie unterstützen Sie?
Claudia Bartsch: Wir begleiten die Seeleute zum Arzt, zum Einkaufen oder bringen sie mit unserem Shuttlebus in den Club. Bei uns können sie auch Geld wechseln oder überweisen, Basketball spielen oder im Ruheraum entspannen. Sie freuen sich, vom Schiff runterzukommen und mal eine andere Stadt zu sehen. Hier im Club bekommen sie Getränke, Snacks und banale Sachen wie Rasierer. Wir haben keine Liste, die wir abarbeiten, sondern wir hören zu und achten darauf, was sie brauchen.
Gibt es besondere Momente, an die Sie sich noch gut erinnern?
Jürgen Steinecke: Ja. Der Vater eines philippinischen Seemanns war verstorben, wir haben es möglich gemacht, dass er trotz Zeitverschiebung mit Hilfe von Internet, Bildschirm und Kamera live bei der Trauerfeier dabei sein konnte. Das war sehr ergreifend für die Familie und auch für uns. In dem Moment habe ich gedacht, das ist der Grund, warum wir da sind. Genau für solche Geschichten.
Claudia Bartsch: Manchmal ist es der Einkauf von Produkten aus der Heimat. Wenn man die strahlenden Augen der Seeleute sieht, da denkt man, `guck mal, so schnell kann man Leute glücklich machen.
Frau Bartsch verrät uns im Vorgespräch, dass sie alleinerziehende Mutter und Vollzeit beschäftigt ist. Auch nach unserem Interview fährt sie sofort zu ihrem Job. Die Arbeitskleidung mit dem Logo einer großen Baumarktkette hat sie schon an.
Wie kriegt man das hin? Job, Kind, Ehrenamt?
Claudia Bartsch: Ich hatte neben meiner Arbeit noch einen Nebenjob, das Kind ist nun erwachsen und ich habe eine Arbeitsstelle gefunden, bei der ich nicht noch etwas nebenbei verdienen muss. Ich bin ein sehr aktiver und positiver Mensch und habe mir überlegt, dass ich etwas zurückgeben möchte. Jetzt habe ich die Zeit dafür und so habe ich mich an die Agentur :ehrensache der Stadt Oldenburg gewendet. Dort wurden mir verschiedene Vorschläge gemacht.
Was hat Sie an diesem Vorschlag begeistert?
Claudia Bartsch: Zuerst habe ich gedacht `Seefahrer? Damit kenne ich mich ja gar nicht aus´ Aber, es hat mich interessiert und ich wollte es ausprobieren, auch weil es gut passt, da ich gleich um die Ecke wohne.
Erzählen sie von dem Einstieg – was erwartet Ehrenamtliche?
Till Andrzejewski: Wir sind zusammen viel im Hafen unterwegs und gehen auf die Schiffe. Man lernt sich am Seil festzuhalten und mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen. Das ist sehr spannend und man darf keine Angst haben. Egal ob man Englisch kann oder nicht, man redet miteinander und kriegt es immer irgendwie hin. Die Seeleute sind so dankbar, dass sie mal jemand anderen sehen und sich normal unterhalten können.
Was sind Ihre Aufgaben?
Till Andrzejewski: Wir möchten den Seeleuten das Gefühl geben, willkommen zu sein. Wir sind auch dafür da, nachzufragen, `wie geht es dir eigentlich?´ Häufig fangen sie dann an zu erzählen, von Zuhause, Krankheiten und Sorgen. An Bord haben die Seeleute häufig keinen guten Zugang zum Internet. Hier können sie WLAN nutzen und Zeit mit ihren Familien verbringen, oft liegt das Handy dann nur neben ihnen, während sie Karaoke machen oder Fernsehen. Manchmal werden wir der Familie vorgestellt: `Das sind Claudia und Till und die betreuen uns hier.
Welche persönlichen Eigenschaften sind für die ehrenamtliche Tätigkeit hier wichtig?
Jürgen Steinecke: Ehrenamtliche, die uns unterstützen wollen, sollten gern mit anderen Menschen zusammen sein und Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit anderen Kulturen haben. Sie sollten persönlich aufgeschlossen gegenüber anderen sein und offen auf sie zugehen. Man sollte auch zeitlich flexibel sein, da wir keine geregelten Öffnungszeiten haben. Zusammengefasst brauchen wir zuverlässige Leute, die selbst mit sich so weit im Reinen sind, dass sie diese Tätigkeit machen können. Ohne Ehrenamtliche würde es das Angebot hier so nicht geben können.
Seit 2022 gibt es den Seemannsclub „50 Miles“ in Oldenburg. Wenn Sie sich hier oder an einem anderen Ort in Oldenburg engagieren möchten, beraten wir Sie gerne. Machen Sie einen persönlichen Beratungstermin bei der Agentur :ehrensache unter Telefon 0441 235-3216 oder per E-Mail an ehrensache[at]stadt-oldenburg.de.
Zuletzt geändert am 26. März 2026

