Carl-von-Ossietzky-Preisträger Włodzimierz Borodziej gestorben

Oberbürgermeister Krogmann: „Wir verlieren eine Stimme der deutsch-polnischen Aussöhnung“

Wie die Stadt Oldenburg jetzt erfahren hat, ist der polnische Historiker und Carl-von-Ossietzky-Preisträger des Jahres 2010, Prof. Dr. Włodzimierz Borodziej, am Montag, 12. Juli 2021, gestorben. Die Stadt Oldenburg ehrte ihn 2010 „für seine wissenschaftliche Aufarbeitung der deutsch-polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts und sein großes Engagement zur Aussöhnung der beiden Staaten im Prozess der europäischen Einigung“.

„Mit Professor Borodziej verlieren wir einen kritischen Wissenschaftler, Gesprächspartner und Autor, der sich zeitlebens für die so wichtige deutsch-polnische Annäherung engagiert hat“, bedauert Oberbürgermeister Krogmann.

Der international hoch angesehene, 1956 in Warschau geborene Zeithistoriker der Universität Warschau widmete sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit als auch in seinen publizistischen Beiträgen im In- und Ausland intensiv der schwierigen deutsch-polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Seine Forschungsgebiete erstreckten sich auf den nationalsozialistischen Terror in Polen ebenso wie auf den gescheiterten Warschauer Aufstand 1944. Der Hitler-Stalin-Pakt, die Geschichte der Umsiedlung und Vertreibung der Deutschen aus Polen, die internationalen Beziehungen in der Nachkriegszeit und aktuelle Fragen der Vergangenheitspolitik zählten ebenfalls dazu.

Borodziej leistete mit seinen Quellenstudien einen wichtigen Beitrag zur politischen Bildung. Viele Jahre engagierte er sich in der deutsch-polnischen Schulbuchkommission für die Annäherung von Deutschen und Polen. Von 2010 bis 2016 war er mit Professor Joachim von Puttkamer Direktor des Imre-Kertész-Kollegs Jena und darüber hinaus in verschiedenen Beiräten tätig. Für seine Verdienste wurde er unter anderem mit dem Verdienstkreuz der 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland und 2020 mit dem Internationalen Forschungspreis der Max Weber Stiftung ausgezeichnet.

Einige seiner zu Standardwerken avancierten Veröffentlichungen und Herausgeberschaften wurden auch ins Deutsche übersetzt, so zum Beispiel seine „Geschichte Polens im 20. Jahrhundert“ im C.H. Beck Verlag und „Der Warschauer Aufstand 1944“ im S. Fischer Verlag.

Włodzimierz Borodziej starb im Alter von 64 Jahren.

Biografie des Preisträgers

Włodzimierz Borodziej wurde 1956 in Warschau geboren. Zunächst besuchte er Grundschulen in Berlin und Warschau, um seine schulische Ausbildung später in Wien fortzusetzen. 1975 legte er am Bundesgymnasium Stubenbastei in Wien sein Abitur ab. Anschließend studierte Borodziej an der Universität Warschau Geschichte, promovierte und setzte seine akademische Laufbahn mit seiner Habilitation fort. Gastprofessuren führten ihn in den folgenden Jahren unter anderem nach Marburg und Jena.

Anfang der 90er Jahre unterbrach er seine universitären Tätigkeiten, um als Direktor des Büros für interparlamentarische Beziehungen und danach als Generaldirektor für wissenschaftliche Dienste in der Sejmkanzlei, der polnischen Parlamentsverwaltung, zu arbeiten. Seit 1996 war Borodziej Professor für Zeitgeschichte am Historischen Institut der Universität Warschau. Von 1999 bis 2002 übernahm er das Vizepräsidentenamt der Universität. Borodziej war Mitglied in verschiedenen wissenschaftlichen Beiräten und Kuratorien. 2016 wurde er Ordentliches Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Zeithistoriker mit hohem Renommee

Borodziej war ein international hoch angesehener Zeithistoriker und genoss nicht nur in polnischen und deutschen Fachkreisen ein hohes Renommee. Sowohl in seinen wissenschaftlichen Arbeiten als auch in seinen umfangreichen Beiträgen in Fachzeitschriften und Zeitungen im In- und Ausland befasste er sich intensiv mit der eng verzahnten deutsch-polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Seine Forschungsgebiete erstreckten sich auf den nationalsozialistischen Terror in Polen ebenso wie auf den gescheiterten Warschauer Aufstand 1944. Der Hitler-Stalin-Pakt, die Geschichte der Umsiedlung und Vertreibung der Deutschen aus Polen, die internationalen Beziehungen in der Nachkriegszeit und aktuelle Fragen der Vergangenheitspolitik zählten ebenfalls dazu.

Borodziej leistete mit seinen Quellenstudien einen wichtigen Beitrag zur politischen Bildung. Darüber hinaus hat er sich viele Jahre als Co-Vorsitzender der deutsch-polnischen Schulbuchkommission für die Annäherung von Deutschen und Polen engagiert. Borodziej wurde für seine großen Verdienste bereits mit dem Verdienstkreuz der 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland, dem Herderpreis und dem Viadrina-Preis ausgezeichnet. 2017 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Jena. 2020 folgte die Auszeichnung mit dem Internationalen Forschungspreis der Max Weber Stiftung.

Publikationen (Auswahl)

  • Der Warschauer Aufstand 1944, S. Fischer, Frankfurt am Main, 2001, TB 2004
  • Terror und Politik. Die deutsche Polizei und die polnische Widerstandsbewegung im Generalgouvernement 1939 - 1944, Philipp von Zabern Verlag, Mainz 1999 (Diss. 1984).
  • Das kurze 20. Jahrhundert Polens: Bilanz eines europäischen Sonderwegs?, Leipziger Universitäts-Verlag, Leipzig 2002
  • Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945 - 1950: Dokumente aus polnischen Archiven, 4 Bände, hrsg. von Wlodzimierz Borodziej und Hans Lemberg, Verlag Herder-Institut, Marburg 2003
  • Option Europa. Deutsche, polnische und ungarische Europapläne des 19. und 20. Jahrhunderts, 3 Bd., Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen 2005, als Mitherausgeber

 

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