Wirtschaftstag Oldenburg – Island. Ein Rückblick

Moderne Wirtschaft Islands

Jeder kennt die wenigen Wirtschaftsthemen Islands. Das ist doch zuallererst Fischereiwirtschaft und das ewige Ringen um EU-Fischfangquoten. Das ist naturverbundener Tourismus. Und das ist Energiegewinnung aus Wasserkraft. Soweit richtig, aber. 

Das ist noch nicht die moderne, ja aufregende Wirtschaft Islands, die seit einiger Zeit international Furore macht: Island ist ein kleines Paradies für Datenverarbeitung, Datensicherheit und für ökonomisches Glück – und das alles auf Basis von 100 Prozent Erneuerbarer Energien. DAS Musterland für Klimaneutralität schon heute, und damit Taktgeber für die Ziele der EU. 

Das und weitere Wirtschaftsthemen, mit denen Island auch unsere Region neuerdings neugierig macht, wurde am 27. September 2022 in der Alten Maschinenhalle am Pferdemarkt 8a genauer beleuchtet. Oberbürgermeister Jürgen Krogmann begrüßte die teilnehmenden Unternehmerinnen und Unternehmen sowie interessierte Bürgerinnen und Bürger. Die Wirtschaftsförderung richtete die Veranstaltung aus; sie fand im Rahmen der Oldenburg Begegnungen statt. Sabine Schicke übernahm die Moderation. Hier können Sie das Programm herunterladen (PDF 1,78 MB) »

Interessante Gäste

Interessante Persönlichkeiten befassten sich mit der „Neuen Wirtschaft Islands“:

  • Kristín Vala Ragnarsdóttir ist Professorin für Geowissenschaften an der University of Iceland in Reykjavík. Sie ist Mitglied im globalen Netzwerk der Wellbeing Economy Alliance, des Club of Rome ecetera.  
  • Baddý Sonja Breidert ist Geschäftsführerin des Software-Unternehmens 1xINTERNET GmbH in Frankfurt und im Vorstand der Deutsch-Isländischen Außenhandelskammer.
  • Rudolf Hermann ist Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung; unter anderem für die Berichterstattung über die nordischen Staaten. 
  • Andreas Gollenstede ist Lehrbeauftragter an der Jadehochschule im Bereich Geoinformation, Geo-Engineering und zudem Unternehmer in Oldenburg und der Stadt Kópavogur auf Island. 

Interessante Informationen

Andreas Gollenstede ist Insider: Familie und Geschäftspartner leben in Island und so pendelt er zwischen den unterschiedlichen Welten. Die technischen Voraussetzungen zum Arbeiten in Island sind ideal: Internet gibt es überall; Videokonferenzen vom entlegensten Winkel sind kein Problem. in Island. Insgesamt fühlt sich sehr wohl in Island, wo die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine wichtige Rolle spielt, so dass er mit dem Gedanken spielt, irgendwann ganz nach Island zu gehen.

Sonja Baddy Breidert versucht besagte Work Live Balance in ihrem Unternehmen 1XInternet mit Hauptsitz in Frankfurt und etlichen Standorten in Europa und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit 18 verschiedenen Sprachen umzusetzen. Sie ist überzeugt: „Jeder ist ein Meister und kann etwas besonders gut. Wir müssen ihnen die Chance geben, Meister zu werden.“ Und wer Baddy Breidert erlebt hat, fühlt, dass sie dazu in der Lage ist.

Sehr eindringlich appelliert Kristin Vala Ragnasdottir für eine Umkehr in der Klimapolitik: „Wir haben einen planetarischen Notfall“ und haben schon 8 Grenzen unwiederbringlich überschritten. „Wir müssen Schritte finden, um die Erde zu regenerieren“ und „die Ökonomie auf den Regeln der Natur aufbauen.“ Für diesen Wandel setzt sie sich in der globalen Wellbeing Alliance ein, der sich bisher Island, Schottland, Neuseeland, Finnland, Wales und Norwegen angeschlossen haben.

Rudolf Hermann liefert uns Fakten: 85 Prozent der isländischen Energieversorgung stammen aus erneuerbaren Quellen, darunter 65 Prozent aus Geothermie und 20 Prozent aus Wasserkraft. Strom stammt zu 100 Prozent aus den Erneuerbaren. Ein Transport in andere Länder ist aufgrund der großen Entfernung leider nicht möglich. Um den Überschuss zu nutzen, wurden energieintensive Unternehmen angesiedelt wie zum Beispiel Aluminium-Industrie, Baustoffherstellung und in jüngerer Zeit auch Datenzentren, die hier ideale Bedingungen finden. Energieintensiv ist auch die neue Technologie des Direct Air Capture, mit der CO2 aus der Umgebungsluft gefiltert und in Basaltgestein eingelagert wird. Innovativ ist hier vor allem die Technologie zur Mineralisierung – Versteinerung – des Gases, die zur Marktreife gebracht werden soll. Carbfix, ein Zweigbetrieb der Reykjavik Energy, sieht darin ein großes Potenzial, um sich in Richtung Klimaneutralität zu bewegen.

Unsere Idealvorstellung von Island als einem Land mit einem verantwortungsbewussten Umgang mit der Energie wird von den beiden Isländerinnen jedoch schnell korrigiert. Der Überfluss an Energie führt dazu, dass die Häuser auf 26°Celsius beheizt sind und gleichzeitig die Fenster offenstehen.

Das Publikum diskutiert lebhaft mit den Referentinnen und Referenten; einige Mitglieder der Gemeinwohlökonomie-Bewegung im deutschsprachigen Raum sind vor Ort. Ihre Frage: Wie kann sich die klassische Ökonomie in Richtung Wellbeing bewegen?

Bilder vom Wirtschaftstag – Island

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Wer mehr erfahren möchte ...

Island macht neugierig

Steuerparadies und Datensicherheit

Seit der Finanzkrise 2008 gehören Rechenzentren zu den zentralen Wirtschaftsfaktoren des Insel-Staates. Deshalb tut die Regierung einiges für die Attraktivität des Standortes: reduzierte Steuern, dauerhafte und noch günstige Strompreise, eines der sichersten Stromnetze der EU. Und dann das Klima: 22 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs von Rechenzentren gehen auf Kosten der Kühlung. Bei durchschnittlichen Außentemperaturen zwischen 5 und 13 Grad Celsius ist Freikühlung in Island ganzjährig möglich. Das reduziert die Betriebskosten im Vergleich zu einem deutschen Standort um die Hälfte. Auch Unternehmen aus unserer Region haben ihre Server in Island stehen. Auch aus diesem Grund: Datensicherheit. Die Datenleitungen auf Island und mit dem europäischen und nordamerikanischen Festland gehören dem Staat. Und es gibt ein „Grundrecht auf unbeobachtete Kommunikation“ für jedermann. Spionage damit fast ausgeschlossen – ein starker Anreiz für ausländische Investoren und ein Pfund für die Isländische Wirtschaft.

Ökonomie des Glücks

Szenenwechsel: Islands heiße Quellen sind ein Traum auch für den Business Freund naturnaher Wellness. Wirtschaftsvernetzungen und Meetings finden auch schon mal in den bis zu 45 Grad warmen blubbernden Hot Pots statt, die einem Whirlpool ähneln. Denn „heitur pottur" ist ein wichtiges Kulturgut, quasi das Café der Isländer. Wirtschaft muss nicht nur entspannt sein – sie muss glücklich machen. Island ist bekannt geworden für die „Ökonomie des Glücks“ – die Haushaltsplanung Islands will verstärkt soziale Gleichheit und Klimawandel ökonomisch messen. „Gemeinwohlökonomie“ und „social entrepreneurship" (soziale Gründungen) sind zwar auch in Oldenburg inzwischen heiß diskutierte Themen, aber Island scheint schon weiter: das Bruttoinlandsprodukt sei Schnee von gestern, sagte die ehemalige Premierministerin. Ein „Bruttonationalglück“ wird angestrebt. Wie das aussieht, wollen wir erfahren.

Energieautonomie

Energieautonomie, Klimaneutralität: was uns in Deutschland täglich bewegt, ist in Island gelebte Praxis, dank Wasserkraft, Windenergie und Geothermie. Damit rückt Island in den Fokus als nordeuropäische Drehscheibe für Umwandlung (Wasserstoff), Speicherung und Transport von grüner Energie. Auch deutsche Energieunternehmen haben ihre Fühler ausgestreckt. Welche Chancen und Potentiale für den energetischen Nordwesten liegen, werden wir ebenfalls am 22. September 2022 diskutieren.


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Zuletzt geändert am 28. August 2023