Jury-Begründung
Güner Yasemin Balcı ist Carl-von-Ossietzky-Preisträgerin 2026
In ihrem Buch „Heimatland. Zähne zeigen gegen die Feinde der Demokratie“ erzählt die diesjährige Preisträgerin pointiert und überzeugend, wie Integration gelingen kann und warnt zugleich vor den Feinden einer offenen Gesellschaft. Ihr Plädoyer für Freiheit und gegen Fundamentalismen und Rassismen jeglicher Art ist zugleich ein Plädoyer für ein Deutschland, ihr „bestes Heimatland“, das sich auszeichnet durch ein klares Bekenntnis zur Demokratie, Freiheit, Frauenrechten, Selbstbestimmung, Toleranz und universellen Menschenrechten.
Mit dieser Grundhaltung steht sie in der Tradition von Carl von Ossietzky, der sich für ein demokratisches, freies und sozial gerechtes Deutschland einsetzte und sich gegen einen autokratischen Nationalismus wandte. Ossietzky beklagte den Rückzug der Intellektuellen aus der politischen Debatte seiner Zeit und forderte die Menschen auf, sich in einer zunehmend zerrissenen Gesellschaft für Demokratie und einer dem sozialen Gedanken verpflichteten Gesellschaft einzusetzen.
Eine solche Stimme ist die deutsche Journalistin, Autorin, Regisseurin und Integrationsbeauftragte von Berlin-Neukölln Güner Yasemin Balcı (*1975). Sie wurde in West-Berlin als Kind türkisch-kurdischer Eltern geboren, wuchs in dem „sozialen Brennpunkt“ Neukölln auf und setzte sich früh mit dem sozialen Umfeld, ihrer Herkunft und Herausforderungen eines selbstbestimmten Lebens in einer offenen Gesellschaft auseinander.
Sie engagierte sich in Stadtteilprojekten wie „MaDonna“ für Mädchenrechte, studierte Erziehungswissenschaften und fand schnell zum TV-Journalismus, wo sie sich mit Dokumentarfilmen immer an ihren Lebenserfahrungen orientierte und Migration, Integration und die Gefahren des Islamismus, unter anderem für das ZDF-Magazin „Frontal“, thematisierte.
Ihre Reportage „Tod einer Richterin“ wurde 2012 mit dem Civis-Fernsehpreis ausgezeichnet, ihr Dokumentarfilm „Der Jungfrauenwahn“ (Arte/ZDF) zeigt patriarchale Strukturen und islamisch-konservative Milieus in unserer Gesellschaft auf. Darum geht es auch in ihren Romanen „Arabboy“ (2010) oder „ArabQueen“, die von Milieus und Schicksalen der Migrationsgesellschaft erzählen. Zuletzt drehte sie zusammen mit Jesco Denzel den ZDF- Dokumentarfilm über den Holocaustüberlebenden Albrecht Weinberg.
Güner Balcı weiß, wovon sie spricht und schreibt, sie ist klar, authentisch und emphatisch, im Engagement für die Freiheit und Selbstbestimmung vor allem von Frauen aus patriarchalen Gemeinschaften. Dass sie sich seit 2020 als Integrationsbeauftragte in „ihrem“ Stadtteil Neukölln gegen die unterschiedlichsten Widerstände und unter persönlichen Gefahren auch gegen islamistische Tendenzen und kulturelle Dominanzansprüche in den migrantischen Communities engagiert, macht sie zum „Role Model“ einer konstruktiven Integrationspolitik, die niemanden ausgrenzt und auf einem klaren Bekenntnis zu Demokratie, den Werten der Menschenrechte und einer offenen Gesellschaft beruht. Sie steht für eine aktive und auf Gegenseitigkeit beruhende Integration. Nicht Migration ist für Balci ein Problem, sondern der oft halbherzige Umgang von Migrations- und Nichtmigrationsgesellschaft mit den Herausforderungen von Integration. Sie schreibt: „Ich liebe meine Sprache, meine Hood, meine Leute. Ich liebe mein Land, vor allem aber seine in der Verfassung garantierten Werte, Menschenwürde, Gleichberechtigung, freie Entfaltung der Persönlichkeit.“
Zuletzt geändert am 17. März 2026