Preisverleihung 2026
Eindrückliche Reden der Preisträgerin und des Laudators Prof. Dr. Jan-Philipp Reemtsma warnen vor Angriffen auf unsere offene Gesellschaft, Vielfalt und Freiheit
Güner Yasemin Balcı für unermüdlichen Einsatz für Demokratie und Menschenrechte ausgezeichnet
Die Berliner Journalistin, Autorin und Filmemacherin Güner Yasemin Balcı ist am 21. Mai 2026 im Oldenburger Kulturzentrum PFL mit dem Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik ausgezeichnet worden. Balcı ist unter anderem Autorin gesellschaftskritischer Bücher, darunter „Arabboy“ (2008) und „Almanya“ (2010). Zuletzt thematisierte sie im 2025 erschienenen „Heimatland“ die Herausforderungen von Integration, Clankriminalität und religiösem Extremismus. Seit 2020 ist sie zudem Integrationsbeauftragte des Bezirks Berlin-Neukölln.
Krogmann: „Wir ehren eine starke und mutige Stimme, die nicht davor zurückscheut, unbequeme Realitäten auszusprechen“
Im Beisein der Jury und vor mehr als 100 Gästen aus Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit würdigte Oberbürgermeister Jürgen Krogmann Balcıs beeindruckendes Engagement für Freiheit, Menschenrechte und Demokratie: „Mit Ihnen ehren wir eine starke und mutige Stimme, die nicht davor zurückscheut, unbequeme Realitäten auszusprechen. Das verdient unsere Wertschätzung und auch unseren Schutz. Insbesondere dann, wenn Ihr Engagement massive Kritik, Versuche der Einschüchterung oder ganz unverhohlene persönliche Drohungen zur Konsequenz hat. Als Journalistin, Publizistin, Dokumentarfilmerin und Integrationsbeauftragte von Berlin-Neukölln öffnen Sie mit Ihren Beiträgen die Augen. Sie treten vehement für unsere Verfassung ein, für Freiheit und Gleichberechtigung und stemmen sich zugleich gegen Fundamentalismus und überkommene, traditionelle Lebensmodelle.“ Anschließend boten die Reden der Juryvorsitzenden Prof. Dr. Dagmar Freist und des Laudators, dem Publizisten und Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Jan-Philipp Reemtsma, Einblicke und Gedankenanstöße zu Balcıs Verdiensten. Alle Reden des Abends werden im Laufe der 22. Kalenderwoche zur Verfügung gestellt.
Reemtsma mit eindrücklichem Appell, Freiheit und Vielfalt zu wählen
In seiner eindrücklichen Laudatio würdigte Prof. Dr. Jan-Philipp Reemtsma Balcı als Erzählerin von Geschichten – nicht im literarischen Sinne, sondern im politischen und gesellschaftlichen: „Geschichten von Chancen, wahrgenommenen, verpassten. Es sind Geschichten mit Leuten, die etwas für sich gewinnen, und von Leuten, die das nicht schaffen. Aber es sind meist Geschichten von Möglichkeiten.“ Gemeint ist die Vielzahl von Lebensentwürfen, von Religionen, Ansichten und Errungenschaften im heutigen Deutschland, die erkämpft wurde und die es erst ermöglicht zu wählen, wie man leben möchte.
Gleichzeitig, so betont Reemtsma, müssten Vielfalt und Fortschritt weiterhin verteidigt werden: „Die Idee, dass bürgerliche politische Freiheit und Gleichheit, einmal wenigstens im Prinzip erreicht und gelebt, so selbstverständlich und in der Selbstverständlichkeit so attraktiv sei, dass konkurrierende Erzählungen einfach keine Chance hätten, ist eine Illusion gewesen. Immer hatten die Feinde der offenen Gesellschaft attraktive Erzählungen, die auf dasselbe hinauslaufen: Enge, Gängelung, Dominanz von Gruppen, die gegen andere meinen sich zusammenschließen zu müssen und es für eine Tugend halten, die zu schikanieren.“ Und weiter: „Das ist die Schwäche unserer schönen, wie wir meinen, besseren Erzählungen: Ihre Pointe ist, dass es gut ist, in einer Gesellschaft der vielen Wege zu leben, der Chancen, der Risiken, der Erstaunbarkeiten, der vielen Geschichten. Geschichten, die auch solche der Freiheit sind, die Wonnen der Unfreiheit zu wählen.“
Reemtsmas Fazit dabei: „Was für Geschichten wollen wir erzählen? Solche, wie sie uns Leute wie Güner Yasemin Balci erzählen. Wir lesen und hören ihre Geschichten gern und halten sie für die besseren Geschichten. Das sagen wir gern und immer wieder, und heute zeichnen wir eine Erzählerin solcher Geschichten aus. Mit Vergnügen an diesen Geschichten, mit Hochachtung für ein Leben, das hinter diesen Geschichten steht.“
Balcı: Die offene Gesellschaft verteidigen und Menschenhass dort benennen, wo er auftaucht
„Wenn ich auf Deutschland schaue, sehe ich verschiedene Kräfte, die unsere Gesellschaft abschaffen wollen und die sich gegenseitig verstärken – die extreme Rechte, islamistische Netzwerke und verschwörungsideologische Milieus. Sie alle verachten die offene Gesellschaft, Minderheitenrechte und universelle Menschenrechte. Und sie stabilisieren sich gegenseitig, weil sie einander als Feindbild brauchen. Diese Bedrohungen treffen auf eine Welt, die wir lange missverstanden haben. Wir haben den Kalten Krieg überwunden und glaubten, danach in ein friedliches Zeitalter einzutreten. Stattdessen erleben wir neue Konflikte, Kriege und Katastrophen, die weltweit Millionen Menschen in die Flucht treiben.“
Demgegenüber stünden allerdings Werte, die – ganz im Sinne Reemtsmas – hart erkämpft wurden und um die weiter gerungen werden muss: „Die wichtigste Errungenschaft des liberalen Westens ist nicht sein Wohlstand, sondern ein bestimmter Umgang mit dem Menschen: dass der Mensch nicht nach Herkunft, sondern nach Verhalten beurteilt wird. Dass Frauen nicht als Besitz gelten. Dass Gott nicht über den Gesetzen steht. Dass religiöse Überzeugungen kritisiert werden dürfen, ohne dass darüber Gewalt verhängt wird. Dass Zweifel erlaubt ist.“
Als Tochter türkischer Einwanderer, die bereits in deren Herkunftsland einer Minderheit angehörten, und als ein Kind, das stets entweder „zu deutsch“ oder „nicht deutsch genug“ erschien, sei Balcı besonders sensibilisiert für Machtverhältnisse, Identität und Ideologie, wie sie betonte: „Diese Biografie ist der Hintergrund, vor dem ich heute hier stehe. Sie hat mich sensibel gemacht für den Moment, in dem aus Identität Ideologie wird – und aus Ideologie ein autoritärer Machtanspruch. Für die feinen Verschiebungen, in denen aus einem ‚Wir‘ ein ‚Wir gegen die‘ wird, aus einem Witz eine Entmenschlichung, aus einer Parole eine Drohung.“
Vor diesem Hintergrund, ihrer Biografie, ihren Erfahrungen und Herausforderungen nehme Balcı den ihr nun verliehenen Carl-von-Ossietzky-Preis „nicht nur als Auszeichnung an, sondern als Auftrag: Antisemitismus und Menschenhass dort zu benennen, wo er auftaucht – in rechten Parteien, auf muslimischen Demos, in akademischen Seminarräumen. Als Auftrag, religiösem Autoritarismus keine Rabatte zu gewähren. Die offene Gesellschaft nicht nur dann zu verteidigen, wenn sie Applaus bringt, sondern auch dann, wenn sie uns Ärger, Drohungen und Einsamkeit beschert. Und als Auftrag, für einen humanistischen Patriotismus zu werben, der dieser offenen Gesellschaft ein Rückgrat gibt – gegen ihre Feinde von rechts, gegen ihre Feinde im Namen Gottes und gegen ihre Feinde im Gewand des Zynismus.“
Der Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik
Der Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik wird seit 1984 alle zwei Jahre von der Stadt Oldenburg verliehen und ist mit 10.000 Euro dotiert. Ausgezeichnet werden Personen, die sich mit dem Leben und Werk Ossietzkys auseinandersetzen oder sich im Geiste Carl von Ossietzkys mit der demokratischen Tradition und Gegenwart in Deutschland sowie mit Themen der Politik und Zeitgeschichte befassen. Frühere Preisträgerinnen und Preisträger waren unter anderem Anne Applebaum (2024), Igor Levit (2022) oder Irina Scherbakowa (2014).
Einblicke in die Carl-von-Ossietzky-Preisverleihung 2026
Es folgt eine Bildergalerie mit 11 Bildern.
Zuletzt geändert am 22. Mai 2026
























