Mitschrift zur Podcast Episode 24

Jubiläumsaktion 15 Jahre Integrationspreis

Claudia Wronna: Herzlich willkommen zu unserem Podcast Hörbar vielfältig, den wir anlässlich des 15-jährigen Jubiläums des Integrationspreises der Stadt Oldenburg aufgenommen haben. In den 15 Jahren sind zahlreiche Projekte, Vereine und Initiativen mit diesem Preis ausgezeichnet und gewürdigt worden und wir wollen euch eine große Anzahl davon vorstellen. Wir haben nachgefragt, wofür sie damals den Integrationspreis gewonnen haben, was für besondere Erlebnisse bei ihnen hängengeblieben sind und wie es ihnen heute geht. Wenn euch also interessiert, was Oldenburg zwischen 2010 und 2025 an Projekten ausgemacht hat, die sich für Chancengleichheit und Teilhabe von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sowie für solidarisches Miteinander einsetzen, dann horcht rein in die jeweils circa zehnminütigen Podcasts von hörbar vielfältig. Viel Spaß dabei. 

Claudia Wronna: Wir haben heute die Deine Autowerkstatt gGmbH hier bei uns zu Gast und mir gegenüber sitzt Nico Meier, Geschäftsführer von Perspektive Oldenburg Sozialwerk, das ist ein sozialer Träger, wo die Autowerkstatt als Tochtergesellschaft dazugehört. Schön, dass du da bist. Herzlich willkommen. 

Nico Meier: Ja, freut mich. Vielen Dank für die Einladung.

Claudia Wronna: Als Erstes interessiert mich… normalerweise würde sich ja keine Autowerkstatt für den Oldenburger Integrationspreis bewerben. Wie kommt es, dass eure Autowerkstatt aber schon irgendwie inhaltlich da reinpasst? 

Nico Meier: Ja, weil Integration tatsächlich das Kernstück unserer Arbeit ist. Wir sind eine gemeinnützige freie Kfz-Meisterwerkstatt. Und das Besondere an uns ist, dass wir ausschließlich junge Menschen, die sozial-emotional benachteiligt sind, ausbilden. Das heißt, wir bilden Menschen aus, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance haben, Fuß zu fassen. Wir reden da von Menschen mit Fluchterfahrung, mit Migrationshintergrund oder schwachem Schulabschluss. Und diesen Menschen bieten wir mit ganz viel Förderung, Begleitung, Nachhilfe die Chance, eine Ausbildung abzuschließen und auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. 

Claudia Wronna: Toll. Das hört sich nach einem ziemlich einmaligen Projekt an! Gibt es das schon im Ausbildungsbereich für Handwerk? Hier in der Region? Oder habt Ihr da ein Alleinstellungsmerkmal?

Nico Meier: Da stehen wir tatsächlich ziemlich alleine oder sind da einmalig in Niedersachsen. Also in der Art und Weise mit dem Konzept, wie wir das machen, gibt es leider noch keinen weiteren Betrieb.

Claudia Wronna: Okay. Wie viele Leute arbeiten bei Deine Autowerkstatt gGmbH und wie ist so der Anteil von Hauptamtlichen und Azubis? 

Nico Meier: Genau. Also wir achten oder müssen darauf achten, dass wir immer einen gewissen Anteil an Azubis haben. Also quasi knapp die Hälfte sind Azubis bei uns. Und aktuell haben wir zwei Vollzeitmeister und eine gerade frisch eingestellte, eine Teilzeitmeisterin und dazu noch zwei Gesellen. Und darauf kommen aktuell tatsächlich sieben Auszubildende. 

Claudia Wronna: Das ist beachtlich, dass ihr schon so ein großer Betrieb geworden seid. Euch gibt es seit 2015. 

Nico Meier: Genau, seit 2015 sind wir am Start, sind langsam gewachsen, haben klein angefangen und mittlerweile sind wir auch noch umgezogen, gerade Anfang des Jahres. Eine bisschen bessere Lage, bessere Halle und das merken wir jetzt auch, dass wir da auch noch personell wachsen konnten in diesem Jahr. 

Claudia Wronna: Total klasse. Und bei euch kann man eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker machen? Wie ist die Bewerberlage so für diese Ausbildung bei euch? 

Nico Meier: Die ist tatsächlich sehr gut. Also die Nachfrage ist auf jeden Fall da. Und es gibt ja viele junge Menschen, die sonst leider irgendwo nicht, sagen wir mal, in einen Ausbildungsplatz vermittelt werden können. Und ja, ich würde es fast sagen, leider können wir uns hinsichtlich der Nachfrage nicht beklagen. 

Claudia Wronna: Was macht ihr so für Erfahrungen im Alltag? Wo sind die Herausforderungen? Was ist vielleicht auch das Besondere oder Schöne im Gegensatz zu einer / zu einem anderen Arbeitgeber in dem Bereich? Kannst du da ein bisschen was berichten oder hast du eine Anekdote? 

Nico Meier: Ja, also es ist auf jeden Fall, sagen wir mal herausfordernd, gerade auch für unsere Auszubildenden. Es geht um so gewisse Kleinigkeiten wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit. Ganz große Probleme macht auch die Berufsschule, wo es einfach schwierig ist, teilweise durch einen anderen Sprachhintergrund, da überhaupt mit der deutschen Sprache zurechtzukommen. Das Handwerk wird ja auch immer anspruchsvoller. Wir müssen die Jungs, tatsächlich sind bei uns aktuell nur Jungs, wirklich motivieren, dranzubleiben an den Inhalten. Das ist auf jeden Fall eine große Herausforderung im Alltag. Aber es gibt auch die schönen Seiten: Zum Beispiel ein Azubi, der vor drei Jahren die Ausbildung bei uns abgeschlossen hat, inzwischen in einer anderen Werkstatt arbeitet und letztens zu unserer Eröffnungsfeier am neuen Standort vorbeigekommen ist und dort völlig selbstverständlich mit seinem ehemaligen gefachsimpelt hat über irgendwelche Probleme. Das war sehr schön zu sehen, dass die sich dann wirklich auf Augenhöhe begegnet sind und man gemerkt hat, okay, der junge Mann ist im Berufsleben angekommen und hat da seinen Platz gefunden. 

Claudia Wronna: Toll. Das hört sich wirklich total schön an! Das sind ja alles Jugendliche oder junge Menschen mit sog. Vermittlungshemmnissen, das sagt man ja heute so. Habt ihr dann in der Autowerkstatt auch pädagogisches Personal? 

Nico Meier: Das ist unser Wunsch, unser Traum, dass wir das auch haben. Die Werkstatt trägt sich komplett über Umsatzerlöse. Wir erhalten keinerlei staatliche Förderung und arbeiten hart daran, dass es möglich wird, aus den Umsatzerlösen auch noch einen Pädagogen anzustellen. Das ist unser großer Wunsch, langfristig einen Sozialarbeiter oder Sozialpädagogen einstellen zu können. 

Claudia Wronna: Das wünsche ich euch. Ihr habt ja den Integrationspreis gewonnen, Der ist ja auch mit einem Preisgeld verbunden. Kannst du verraten, was ihr mit dem Preisgeld macht? 

Nico Meier: Mit dem Preisgeld sind wir auf jeden Fall dabei, weiter in die Ausrüstung der Werkstatt zu investieren, um da auch für die Azubis gutes Material vor Ort zu haben. Und was wir auch ein Stück weit damit angestoßen haben ist, dass wir im Bereich der Nachhilfe oder der schulischen Inhalte gerade dabei sind, eine App zu entwickeln, wo quasi die Lerninhalte für die Azubis ganz klar aufgegliedert sind und sie in so einem Checkbox System für sich abhaken können, was sie schon gemacht haben und was sie noch machen müssen. Damit sie einen besseren Überblick, einen besseren Fahrplan für ihre Ausbildung haben. 

Claudia Wronna: Spannend! Ich höre daraus, dass ihr euch auch während der Ausbildung intensiv um die Jugendlichen kümmert und da auch von eurer Seite noch mal ganz viel Unterstützung einbringt. Das unterscheidet euch ja durchaus von anderen Ausbildungsbetrieben, wo diese große Unterstützung vielleicht nicht so da ist, auch für die Berufsschule. Gibt es einen weiteren Punkt, wo du sagst, da unterscheidet sich das schon, wenn man diese Ausbildung bei euch macht im Vergleich zu einem herkömmlichen Handwerksbetrieb?

Nico Meier: Ja. Also die Begleitung ist deutlich enger und den Azubis wird auch deutlich mehr Zeit gelassen. Also wir kalkulieren quasi mit ein, dass es länger dauert, wir erklären es vielleicht ein drittes, ein viertes Mal und geben da auch immer wieder eine neue Chance. Und wir stellen zum Beispiel auch für Nachhilfe oder für Nachbereitung von Berufsschulunterricht von der Arbeit frei. Wir sagen zum Beispiel: Einen Nachmittag in der Woche müsst ihr nicht in der Werkstatt stehen, sondern könnt Berufsschulaufgaben nachbereiten und arbeiten da auch mit Nachhilfelehrern zusammen. 

Claudia Wronna: Ich finde, das hört sich nach einem total guten Projekt und nach einer guten Idee an. Und ich würde mir wünschen, dass das auch auf andere, zum Beispiel Handwerksbetriebe, übergeht. Gerade mit Blick auf Fachkräftemangel und Globalisierung und Zuwanderung wäre das total wünschenswert, wenn auch andere Betriebe sich da auf den Weg machen würden. 

Nico Meier: Auf jeden Fall. Und das ist auch das Schöne an dem Konzept. Es ist nicht auf das Kfz-Handwerk festgenagelt, sondern es lässt sich eigentlich auf jedes andere Handwerks-Gewerk skalieren und übertragen. Wir sind da immer auf der Suche nach engagierten Handwerksmeistern, weil das ist ja mal das Wichtigste, da jemanden zu haben, der das wirklich mit dem Herzen macht und sagt, ich gehe da vielleicht auch mal die Extrameile, die der Auszubildende vielleicht braucht, ich gebe ihm die Zeit. 

Claudia Wronna: Letzte Frage wäre, welche Botschaft hast du, die du vielleicht noch mitgeben magst? 

Nico Meier: Was ganz wichtig ist, ist es jungen Menschen Chancen zu geben, auch wenn es vielleicht beim ersten oder zweiten Mal nicht so gut geklappt hat. Oder wenn aufgrund von der einen oder anderen blöden Entscheidung im Leben oder einer krummen Vita irgendwo mal ein paar falsche Abbiegungen genommen wurden, dass man sie deshalb nicht fallen lässt, sondern probiert, sie wieder zu erreichen und Möglichkeiten zu geben, ein selbstbestimmtes Leben innerhalb unserer Gesellschaft führen zu können. 

Claudia Wronna: Das ist ein total schönes Schlusswort. Vielen Dank für euer Engagement und dass ihr euch da so auf den Weg macht und auch Bereiche, die erst mal nicht nach Integration klingen, dafür öffnet. Herzlichen Dank, dass du da warst und alles Gute weiterhin. 

Nico Meier: Vielen, vielen Dank! Danke, dass ich da sein durfte.

Zuletzt geändert am 21. Januar 2026