Ausstellung vom 15. August bis zum 8. November 2026 im Horst-Janssen-Museum Oldenburg
What Is the Truth and Where Did It Go?
14.08.2026
Oldenburg. „What Is the Truth and Where Did It Go?“ – unter dieser Fragestellung zeigt das Horst-Janssen-Museum Oldenburg ab dem 15. August eine als Dialog angelegte Ausstellung, die ausgewählte Werke des Zeichners und Grafikers Horst Janssen mit neuen textilen Arbeiten der Künstlerin Andrea Ziegler in Beziehung setzt. Ausgangspunkt ist die Frage nach Wahrheit, Wahrnehmung und Vertrauen in einer medial und technologisch geprägten Welt. In freihandgefertigten Maschinenstickereien übersetzt Ziegler Motive, Strukturen und Denkfiguren aus Janssens Werk in eine zeitgenössische, handwerklich geprägte Bildsprache. Dabei greift sie aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen auf und lädt dazu ein, Bilder neu zu lesen. Die Ausstellung „Andrea Ziegler | Horst Janssen: What Is the Truth and Where Did It Go? Von Menschen und Maschinen“ ist vom 15. August bis zum 8. November 2026 im Horst-Janssen-Museum zu sehen und wird am Freitag, 14. August, um 19 Uhr eröffnet.
Horst Janssen (1929-1995) zählt zu den bedeutendsten Zeichnern des 20. Jahrhunderts. Sein Werk zeichnet sich durch technische Virtuosität, präzise Beobachtung und eine Bildsprache aus, die sich einfachen Deutungen entzieht. Die Ausstellung fragt, wie Janssens Arbeiten heute gelesen werden können und stellt ihnen die Werke von der Künstlerin und Stipendiatin des Horst-Janssen-Museums Andrea Ziegler (* 1983) als zeitgenössische Position gegenüber. „Zieglers Arbeiten beschäftigen sich mit der medialen Beschleunigung, der Überforderung durch Informationsfülle und der Fragilität des Wahrheitsbegriffs“, sagt Projektleiterin Dr. Sabine Siebel. „Auch das Thema künstliche Intelligenz greift die Ausstellung auf, wobei jedoch alle ausgestellten Werke ohne den Einsatz von KI entstanden sind und damit ein klares Zeichen für das menschliche Handwerk, individuelle Autorenschaft und bewusste künstlerische Entscheidungen setzen.“
Frage nach Wahrheit und Realität
„Der gedankliche Einstieg in die Ausstellung erfolgt über die Frage nach Wahrheit und Realität“, erläutert die Künstlerin Andrea Ziegler. „Exemplarisch steht hierfür die Ermordung John F. Kennedys 1963 – ein Ereignis, das bis heute von widersprüchlichen Deutungen, Mythen und politischer Instrumentalisierung geprägt ist.“ Ziegler greift dieses Ereignis mit ihrem Werk „Unscheduled Disassembly I“ auf. Es fungiert quasi als Sinnbild, als „Meme“ für den Verlust eines gemeinsam geteilten Wahrheitsverständnisses und des Vertrauens in Institutionen und mediale Vermittlung.
Die Schwerpunkte der Ausstellung basieren auf zentralen Werkzyklen Janssens. Der Zyklus „Laokoon. Die Bäume der Annette“ thematisiert die Ambivalenz von Bildwahrnehmung. In den vermeintlich natürlichen Baum- und Aststrukturen eröffnen sich unterschiedliche Assoziationen, von Körperfragmenten bis hin zu Katastrophenszenarien. Andrea Ziegler antwortet darauf mit gestickten Darstellungen von real stattgefundenen Katastrophen und Trümmerlandschaften, deren Bedeutungen sich oft erst über Titel und Kontext erschließen. Diese bewusste Unschärfe verweist auf eine Gegenwart, in der Ereignisse meist medial vermittelt, fragmentiert und aus der Distanz wahrgenommen werden.
Zentral in der Ausstellung ist der Zyklus „Nigromontanus“, der die Schulung eines auf Oberfläche und Tiefe gerichteten Blicks behandelt. Während Janssens präziser Zeichenstil hier paradoxerweise nicht zu Objektivität, sondern zu subjektiven Assoziationen führt, greifen Zieglers Arbeiten zeitgenössische Tech-Ideologien auf. Textfragmente aus aktuellen Verlautbarungen großer Technologieunternehmen treffen auf bewusst fehlerhafte, farbintensive doppelseitige textile Objekte, die die Ambivalenz von technologischer Entwicklung sichtbar machen sollen.
Als drittes sei der Zyklus „19.05.1990“ genannt, in dem Janssen einen schweren Unfall verarbeitet, der bei ihm zu einer veränderten Bildsprache führte. Zieglers Arbeiten antworten darauf mit anatomischen und medizinischen Bilderwelten, die persönliche Krisen, Krankheiten und aktuelle Diskurse um Longevity und technologische Optimierung kritisch befragen.
Raum für öffentlichen Diskurs
Die Ausstellung lädt dazu ein, Wahrnehmung zu hinterfragen, Mehrdeutigkeit auszuhalten und eigenständige Interpretationen zu entwickeln. Sie will ein künstlerischer Denkanstoß in einer Phase gesellschaftlicher Neuorientierung sein. Während auf der ersten Ausstellungsebene der künstlerische Dialog zwischen Janssen und Ziegler präsentiert wird, ist der zweite Ausstellungsbereich als Raum für den öffentlichen Diskurs gedacht. Den vorderen Teil des Ausstellungsraums nimmt eine Installation von Andrea Ziegler ein, die mit einer ratternden Nähmaschine die Bedeutung von Handwerk und analogem Arbeiten herausstellt. In der Raummitte ist eine Tribüne platziert, wo während der Ausstellungslaufzeit regelmäßig Impulsvorträge von Expert:innen mit anschließenden Diskussionsforen stattfinden sollen: Direkter sozialer Austausch als Gegenpol zu digitalen und algorithmisch gesteuerten Kommunikationsformen.
Im hinteren Bereich des Ausstellungsraumes befindet sich ein Stickrahmen-Tisch, an dem der Stickkünstler Patrick Giese zu einem kollaborativen Workshop („Threadtalk“) einlädt. Hier wird der Kontrast zwischen handgestickter Langsamkeit und digitaler Beschleunigung deutlich: Nadel und Faden als analoger Gegenentwurf zum Algorithmus. Zudem laden verschiedene Fragestellungen an den Wänden die Besucherinnen und Besucher dazu ein, sich in einen öffentlichen Diskurs zu begeben.
Künstlerin und Kuratorin: Andrea Ziegler
Projektleiterin: Dr. Sabine Siebel
Gefördert wird die Ausstellung von der LzO Stiftung Kunst und Kultur und den Freunden und Förderern des Horst-Janssen-Museums e.V. Der Förderverein hat zudem das Stipendium von Andrea Ziegler mitfinanziert.

Zuletzt geändert am 14. August 2026
Zuletzt geändert am 29. Juni 2026