Judith Kuckart: „Vertreterin“
2023 erhielt Judith Kuckart das Landgang-Stipendium als Reisestipendium durch das Oldenburger Land. Es führt die Stipendiatinnen und Stipendiaten in sieben Landkreise und kreisfreie Städte des ehemaligen Landes Oldenburg und wird seit 2015 jährlich vergeben.
Judith Kuckart ist Tänzerin, Choreografin, Regisseurin und Schriftstellerin. Sie wuchs in Schwelm am Rand des Ruhrgebiets auf und lebt heute in Berlin. An der Freien Universität Berlin studierte sie Literatur- und Theaterwissenschaften. An der Folkwang-Schule Essen absolvierte sie eine Tanzausbildung. 1984 gründete sie das Tanztheater Skoronel, eine freie professionelle Gruppe, mit der sie bis 1998 siebzehn Produktionen realisierte. Ihr erster Roman „Wahl der Waffen“ erschien 1990. Es folgten unter anderem „Der Bibliothekar“, „Lenas Liebe“, „Kaiserstraße“, „Wünsche“, „Kein Sturm, nur Wetter“, sowie „Café der Unsichtbaren“. Im August 2024 erscheint ihr zwölfter Roman „Die Welt zwischen den Nachrichten“.
Erkundungstour und Erzählung
Vom 18. bis zum 28. September 2023 war Judith Kuckart als Stipendiatin im Nordwesten unterwegs. Burkhard Peter begleitete sie. Er studierte an der FH Dortmund Fotografie und lebt als freier Fotograf in Berlin. Seit 2015 beschäftigt er sich in seiner künstlerischen Arbeit mit der Stadtlandschaft als Lebensraum und nimmt dabei städtische, auch kleinstädtische und provinzielle Szenerien in den Fokus.
Judith Kuckart ließ sich durch die gemeinsame Reise zu einer Erzählung anregen, in der eine Vertreterin für Bücher durchs Oldenburger Land reist, um die Titel ihrer Verlage in Buchhandlungen vorzustellen. Vertreterin ist sie im doppelten Sinn, denn sie hat die Tour von einer Kollegin mit gebrochenem Fuß übernommen. Beobachtungen und Gespräche lenken ihre Gedanken unterwegs immer wieder in die Vergangenheit und zu Sven, einem ehemaligen Kollegen und Liebhaber. Und sie führen zu der Frage, warum manche Menschen ein Leben lang bleiben, wo sie sind, während andere immer wieder aufbrechen, um weiterzuziehen.
Lesereise 2024
Am 26. Mai 2024 trat die Schriftstellerin mit ihrer Erzählung „Vertreterin“ die zum Projekt gehörende Lesereise durch das Oldenburger Land an. Sie begann im Museumsdorf Cloppenburg und endete am 2. Juni 2024 im Oldenburger Musik- und Literaturhaus Wilhelm13. Judith Kuckart las die Erzählung auf allen Stationen vor und sprach mit Monika Eden über ihre Reiseerlebnisse und ihr Selbstverständnis als Schriftstellerin und Landgang-Stipendiatin. Auch Burkhard Peters Fotos wurden bei allen Lesungen präsentiert. In Westerstede, Wilhelmshaven und Oldenburg war der Fotograf bei den Veranstaltungen dabei und gab Auskunft über seine Motivwahl sowie über die Montage von Bild und Text.
Judith Kuckart und Burkhard Peter im Gespräch mit Monika Eden am 2. Juni 2024 in Oldenburg
In der Erzählung von Judith Kuckart ist L. Vertreterin. Sie vertritt das Sortiment gleich mehrerer Verlage und sie vertritt eine Kollegin mit gebrochenem Fuß. Der Text hat zudem eine Leerstelle, die durch die Abwesenheit eines Menschen markiert ist. Offenbar ist Sven schon vor längerer Zeit mit dem Auto verunglückt, denn L. weiß nicht mehr, ob er dabei einen Zwei- oder Viertürer fuhr. Für L. scheint er trotzdem sehr präsent zu sein. Judith, warst du mit Burkhard gar nicht zu zweit im Oldenburger Land unterwegs, sondern saßt ihr mit L. und Sven eigentlich zu viert im Auto?
Ja, genau. Auf der Rückbank saßen zwei fiktive Figuren. (Ans Publikum gerichtet:) Kennen Sie das auch, wenn Sie irgendwo hinkommen, wo Sie noch nie waren? Auch an Orten, die nicht sensationell sind, an seltsamen Orten, die einen an die eigene Biografie erinnern oder an die Biografie, die man nicht hatte, möchte man den eigenen Eindruck doch manchmal teilen. Sven nimmt im Text diese Rolle ein, weil er abwesend ist. Und Abwesenheit kann manchmal viel stärker und viel größer sein als Anwesenheit.
In Cloppenburg hat unsere Landgang-Lesereise am Sonntag begonnen. Judith Kuckart ist zu dieser ersten Lesung direkt von einer weiteren Premiere angereist, von einer Tanzperformance mit dem Titel Von Wandermenschen und Sofamenschen. In ihrer Erzählung heißen sie Hausmenschen und Wandermenschen. Beide Projekte treibt offenbar die Frage um, wie wir uns in der Welt verorten. Ist das generell ein Thema für dich? Auch bei anderen Projekten und in anderen künstlerischen Sparten?
Nicht nur bei künstlerischen Projekten. Auch im Leben. Das hat sich durch mein Theaterleben ergeben, das manchmal nach zwei, drei Jahren zu einem Umzug in eine andere Stadt führt, weil der Intendant wechselt. Hier in Oldenburg wechselt auch gerade die Intendanz und der neue Chefdramaturg ist ein Freund von mir. Auch neben den Bedingungen meiner Arbeitswelt ist das Unterwegssein aber ein Thema von mir, vielleicht auch wegen meiner Familie.
Bei einem Gespräch, das L. in Delmenhorst mit englischsprachigen Frauen und einem Mann mit müdem Blick führt, geht es darum, wie sie sich Heimat vorstellen. Eine Aussage ist, dass Erinnerungen Heimat sein können. L. erinnert sich unterwegs immer wieder an Sven. Ist Sven für sie Heimat?
Ich habe früh überlegt, was für mich Heimat ist. Ob es der Ort ist, aus dem ich komme oder all die Orte sind, wo ich hinwill oder ob es Heimat gar nicht gibt. Je älter ich wurde und je mehr ich unterwegs sein musste, desto mehr habe ich gemerkt, dass ein Mensch Heimat sein kann. Ich habe vor einiger Zeit ein Theaterprojekt in dem sehr katholischen Dorf meiner Großmutter in Ostwestfalen umgesetzt. Es besteht aus 1500 Menschen, die schon lange dort ansässig sind, und 1500 von überall her zugezogenen. Dort habe ich mit vielen Menschen darüber nachgedacht, was Heimat ist. Manche der jungen Leute haben gesagt: Heimat ist für mich das Essen meiner Mutter. Heimat kann also tatsächlich alles Mögliche sein.
Ich habe auf deiner Homepage die Kategorie Was ich lese entdeckt. Über deiner Leseauswahl steht: Wer liest, bleibt nicht im Jetzt gefangen. Kann uns auch das Lesen zu Wandermenschen machen?
Unbedingt! Man kann mit einem Buch in der Hand auch von dem südlichen Ende des Sofas aus wandern.
Dort sind mittlerweile 40 Leseempfehlungen zusammengetragen. Und die Liste wird fortgesetzt. Hast du ursprünglich aufgenommene Titel auch wieder aus ihr gelöscht?
Nein, sie rutschen einfach nach unten. Die jeweils aktuellen stehen immer oben. Wenn man so alt ist wie ich, könnte man unendlich viel über seine Biografie erzählen. Aber ich glaube, man kann auch sehr viel von sich erzählen, indem man über andere spricht. Das ist auch ein literarisches Prinzip. Die Bücher, die ich lese, erzählen ganz viel von mir.
Auch Sven war Vertreter für Bücher. Richtiges Lesen rettet vor allem, hat er mal gesagt. So steht es in deiner Erzählung. Wie geht richtiges Lesen?
Richtiges Lesen geht vielleicht mit Neugier und mit Hingabe und ab und zu auch mit einem distanzierten Blick. Es erfordert Hingabe und Distanz, wahrscheinlich wie richtiges Leben oder wie richtiges Lieben auch.
Oder wie richtiges Schreiben? Die Distanz spielt auch bei deinem Schreiben eine Rolle.
Genau. Und es braucht eine schöne Anstrengung. So, wie auch eine Beziehung eine schöne Anstrengung braucht.
Burkhard, wusstest du, mit welchem Konzept Judith auf die Reise geht, als ihr zusammen aufgebrochen seid?
Ja, sie hat mir davon erzählt. Erst hat sie mir vom Landgang erzählt und ihrer Idee, dass ich vielleicht mitreisen könnte. Dann hatte sie bald ein Konzept, aus dem klar wurde, dass es eine Erzählung wird, keine Reisebeschreibung, kein Reisetagebuch. Und dann bin ich als Fotograf ein bisschen skeptisch geworden, denn es entstehen ja starke Bilder in einer Erzählung. Die Frage war für mich, wie ich als Bildschaffender damit umgehe, ohne Gefühle darzustellen und ohne Dinge zu illustrieren, die im Text schon auserzählt sind. Die Idee zu der Zusammenarbeit entstand aber auch, weil Judith die Arbeit meiner letzten zehn Jahre kennt. Ich habe mich viel mit Stadtlandschaften, mit städtischen Räumen beschäftigt. Kennengelernt haben wir uns am Theater. Und ich versuche auch Städte so zu fotografieren, dass sie wie Inszenierungen oder Bühnenbilder wirken, dass sie ein bisschen was Abstraktes bekommen. Deshalb stand für uns fest, dass die Zusammenarbeit beim Landgang nur funktionieren kann, wenn Text und Bilder jeweils eine eigene Ebene bekommen.
Du hast von dieser Reise wahrscheinlich sehr viele Fotos mitgebracht. Wie bist du damit weiter umgegangen, wie hast du die Auswahl getroffen?
Es sind tatsächlich mehrere hundert Bilder entstanden. Nach der Rückkehr kam erst einmal ein längerer Prozess des Editierens. Die Arbeit ist vielleicht dem Filmschnitt gar nicht so unverwandt, weil man auch eine Erzählung herstellt. Eine Erzählung in der Abfolge der Fotos, aber auch eine Erzählung in jedem Bild.
Wie nimmst du bei unseren gemeinsamen Veranstaltungen die Wirkung der Bilder auf deine Erzählung wahr, Judith? Wäre es ein anderer Text, wenn sie unabhängig von den Bildern vorgestellt würde?
Ja, auf jeden Fall. In der Veröffentlichung im Buch wird es später anders sein, wenn jedes Foto eine Seite einnimmt, die man umblättert und dann den Text weiterliest. Hier ist es etwas Performatives. (Ans Publikum gerichtet:) Dadurch, dass Sie die Bilder in der Projektion über eine längere Zeit anschauen können, während die Stimme den Text weiterliest, können Bild und Text in Ihrem Kopf anders zusammenmontiert werden. Das hoffe ich jedenfalls. Ich glaube, dass der Blick, wenn man ihn auf etwas richtet und nicht immer nur schweifen lässt, auch einen anderen Fokus auf den Text wirft und umgekehrt der Text eine andere Aura in das Bild einziehen lässt. Ich finde das in dieser Präsentation bei der Veranstaltung fast schöner als dann später im Buch. Dort sind Sie darauf angewiesen, umzublättern, und das Bild wird nicht mehr sichtbar sein, wenn der Text weitergeht.
Und wie nimmst du deine Bilder wahr, Burkhard, wenn sie bei den Veranstaltungen zum gelesenen Text präsentiert werden?
Ich frage mich, wie sie auf die Menschen wirken, die an den Orten wohnen, die ich fotografiere. Als Künstler möchte ich kein Kalenderblatt fotografieren und vor allem nicht das, was alle ohnehin jeden Tag sehen und kennen. Im Idealfall ist es für sie ein Gewinn, zu sehen, was jemand wahrnimmt, der von außen kommt. Ich möchte mit den Fotos nichts aufzeigen oder besser wissen, sondern eher Fragen stellen. Wie sehen Städte in Deutschland aus? Wie leben wir? Wie gestalten wir uns unsere Räume? Deshalb darf sich der Blick an den Bildern gerne ein bisschen reiben.
In Seefeld haben wir ein lebhaftes Gespräch dazu mit dem Publikum geführt. Die Besucherinnen und Besucher nehmen die Landschaften der Wesermarsch ganz anders und vor allem farbiger wahr. Weil du bei der Veranstaltung nicht dabei sein konntest, haben wir hoffentlich in deinem Sinn darüber gesprochen, wie die Bilder zum Text stehen und wie deine Motivwahl erfolgt. Daraus entstand eine gute, lebhafte Diskussion.
Burkhard Peter
Das ist unsere Aufgabe, finde ich, egal ob wir Theater machen, schreiben oder fotografieren: Fragen aufzuwerfen, statt Antworten zu geben.
Judith Kuckart
Genau. Und ich finde es gut, wenn es nach dem Gespräch über die künstlerische Arbeit einen anderen Blick auf die Fotos gibt und ein anderes Zuhören beim Text. Noch wichtiger ist mir aber, dass es danach einen anderen Blick auf die Welt gibt.
Zuletzt geändert am 24. August 2026
