Jan Brandt: „Die Gangland-Chroniken“
2020 war Jan Brandt Stipendiat des Literaturhauses. Der Schriftsteller erhielt auf der Grundlage einer Förderung durch die Kulturstiftung der Öffentlichen Versicherungen Oldenburg das Landgang-Stipendium: ein Reisestipendium durch das Oldenburger Land, das einen Akzent in der bundesweiten Literaturförderung setzt und zugleich Regionalität betont. Es wird seit 2015 jährlich an eine renommierte deutschsprachige Schriftstellerin oder einen renommierten deutschsprachigen Schriftsteller vergeben und führt die Stipendiatinnen und Stipendiaten in Landkreise und kreisfreie Städte des ehemaligen Landes Oldenburg.
Jan Brandt, geboren 1974 in Leer, Ostfriesland, wuchs im nahe bei Leer gelegenen Ihrhove auf. Er studierte Geschichte und Literaturwissenschaft in Köln, Berlin und London und ist zudem Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München. Sein Romandebüt Gegen die Welt machte ihn 2011 schlagartig bekannt; der Roman wurde 2011 für den Deutschen Buchpreis nominiert und mit dem Nicolas-Born-Debütpreis ausgezeichnet. Brandts aktuelles Buch Ein Haus auf dem Land/Eine Wohnung in der Stadt (2019) kreist um Stadt und Land, Utopie und Heimat.
Die regionalen Partner des Literaturhauses bei der sechsten Durchführung waren das Schlossmuseum Jever, der Verein LiteraturPlus Wesermarsch in Kooperation mit dem Kulturzentrum Seefelder Mühle, die Städtische Galerie Delmenhorst, der Bahnhofsverein Westerstede und das Museumsdorf Cloppenburg.
Erkundungstour und Landgang-Text
Im September 2020 trat Jan Brandt als sechster Stipendiat seine Erkundungstour durch das Oldenburger Land an. Die Reise führte ihn eine Woche lang durch Cloppenburg, Delmenhorst, Seefeld, Jever, Westerstede und Oldenburg. Weil ihm bewusst war, dass er als Außenstehender in der knappen Zeit nur einen oberflächlichen Eindruck der besuchten Region gewinnen könnte, weil die Entscheidungen für seine Unternehmungen zwangsläufig willkürlich bleiben würden, wäre er gerne vor Ort ungeplant mit Menschen ins Gespräch gekommen. An Stammtischen. An den Theken von Restaurants und Kneipen. Die Rahmenbedingungen seiner Reise gab jedoch 2020 nicht das Literaturhaus, sondern das Coronavirus vor, sodass an spontane Begegnungen nicht zu denken war. Deshalb suchte sich Jan Brandt schon vor dem Antritt seiner Erkundungstour für jede Station einen Ansprechpartner oder eine Ansprechpartnerin. Diese ‚Patinnen und Paten‘ traf er unterwegs und führte lange Gespräche mit ihnen. Sie bilden die Grundlage für die umfangreichen Gangland-Chroniken, die er im Anschluss an die Reise und nach weiteren Recherchen schrieb.
Lesereise 2021
2021 bereiste Jan Brandt die fünf Stationen seiner Erkundungstour erneut, diesmal als Veranstaltungsorte für die Lesereise zu seinem Landgang-Text. Wegen coronabedingter Veranstaltungsverbote musste die Reise vom Mai/Juni in den Oktober verschoben werden. Monika Eden begleitete Jan Brandt als Prokjektleiterin und Moderatorin. In Lesung und Gespräch erfuhren die Besucherinnen und Besucher, wie Jan Brandt die Region, die sie selbst aus unmittelbarer Nähe kennen, erlebt und literarisch verarbeitet hat.
Jan Brandt im Gespräch mit Monika Eden am 17. Oktober 2021 in Oldenburg
Jan, schon deine Erkundungstour fand unter den Vorzeichen der Coronapandemie statt. Es galt Abstand zu halten und an spontane Begegnungen und Gespräche war nicht zu denken. Du wolltest dennoch auf jeder Station mindestens einen Gesprächspartner haben?
Mein ursprünglicher Plan war: Ich komme nach Oldenburg, streife durch die Wallstraße und schieße mich genauso ab wie alle anderen dort. Dann kommt man sich automatisch näher und hat schon eine Story, weil in dem Zustand Geheimnisse ausgesprochen werden. Das war letztes Jahr nicht möglich, deswegen wollte ich auf Nummer sicher gehen und mir für jede Station einen Paten oder eine Patin suchen.
Du hast vor der Reise Kontakt zu ihnen aufgenommen, dich auf die Gespräche vorbereitet. Hast du unterwegs trotzdem auch dem Zufall eine Chance gegeben?
Ich war offen für Zufälle, ja. Denn ich wusste nicht genau, was in den Orten auf mich zukommen würde. Ich brauchte deshalb am Anfang immer jemanden, der oder die mich ein bisschen einführt.
Die Gespräche waren lang, es ist viel Text entstanden: Hast du die ganze Zeit mitgeschrieben, oder wie hast du die Informationen gesichert?
Ich habe mir Notizen gemacht und zudem die Interviews aufgenommen und anschließend transkribiert. Wenn ich alles mitprotokolliert hätte, wären zu viele Information verloren gegangen. Manchmal habe ich Gedächtnisprotokolle angefertigt und meinen Paten und Patinnen geschickt, damit sie richtigstellen konnten, was ich nicht genau verstanden hatte.
In Cloppenburg war das nicht möglich, weil die beiden Kleinkriminellen nicht wussten, dass du ihnen zuhörst.
Dort hatte ich als Patin eine Freundin vor Ort ausgewählt und stellte dann fest, dass ich nicht über sie schreiben kann, weil es zu persönlich geworden wäre. Es fehlte die Distanz. Aber es ereignete sich dann zufällig etwas. Ich wohnte im Münsterländer Hof direkt am Verkehrskreisel und dachte: Hier werde ich heute Nacht kein Auge zu tun. So war es dann auch, aber eher als glückliche Fügung. Denn abgesehen von den Schweinelastern, die an mir vorbeibretterten, hörte ich irgendwann nachts Stimmen, schaute aus dem Fenster und beobachtete zwei junge Männer, die sich darüber unterhielten, dass sie vom Polizeirevier kommen. Sie riefen ihre Freunde an, um ihnen zu sagen, dass sie Hopps genommen wurden, als sie Fahrräder klauten und jetzt mit Wodka und Cola ihre wiedergewonnene Freiheit feiern. Aber es wollte niemand kommen, um mit ihnen zu feiern, weil es mitten in der Woche war. Sie wurden immer betrunkener und ich habe immer mehr mitgeschrieben. Das war eine Geschichte, die sich von selbst ergeben hat.
Weil Cloppenburg sie dir nachts vor die Tür gesetzt hatte, musstest du nur mitschreiben. Wie bist du weiter mit dem so gesammelten Material umgegangen?
Erst mal habe ich es liegen gelassen. Dieser Landgang ist toll, aber gleichzeitig auch anstrengend. Ich war unterwegs an allen Tagen mit einer totalen Alarmbereitschaft unterwegs, also immer in einem absoluten Wachheitszustand: alles zu beobachten, zuzuhören, aufzuschreiben, Fotos zu machen. Weil ich noch nicht wusste, was am Ende daraus wird, konnte alles wichtig sein. Deswegen habe ich so viel Material wie möglich angehäuft. Das führte schon bei meiner dritten Station dazu, dass ich mit den Notizen und Gedächtnisprotokollen nicht mehr hinterherkam. Es ging immer schnell weiter und schon waren wieder neue Termine vereinbart. Nach der Erkundungsreise war ich erschöpft und beschloss, das ganze Material erst mal liegen zu lassen, bis es auf die Lesungen zugeht.
Dann musste die Lesereise verschoben werden, weil wir nicht veranstalten durften. So kamen zu dem halben Jahr, das du ursprünglich für die Bearbeitung gehabt hättest, weitere Wochen und Monate hinzu. War das Fluch oder Segen für dich?
Beides zugleich. Wegen der zusätzlichen Zeit und dem vielen Material habe ich mich noch mal intensiv damit auseinandergesetzt und der Text wurde dann sehr viel länger.
Warst du im Oldenburger Land eher als Schriftsteller oder als Journalist unterwegs?
Meine Methode, den Orten und Menschen durch Recherche und Interviews näherzukommen, ist eine journalistische Herangehensweise, auch wenn ich beim Schreiben eine literarische Sprache wähle. Ich kann mir Landschaften anschauen, aber sobald ich anfange, über sie zu schreiben, langweile ich mich bei dem, was ich schreibe, so sehr, dass ich denke, jetzt muss aber mal wieder jemand was sagen. Ich brauche die Gesellschaft und die Menschen um mich, um überhaupt zu schreiben.
An manchen Stellen in diesem langen Reisebericht warst du aber doch versucht, in die Fiktion abzutauchen. Ist es für dich einfacher, Geschichten zu erfinden als schreibend den Erzählungen von Menschen zu folgen?
Nein, ich finde es total schwierig, Geschichten zu erfinden. Ich bewege mich dabei immer auf unsicherem Terrain. Deswegen recherchiere ich wahnsinnig viel, um eine Grundsicherheit zu gewinnen. In Delmenhorst habe ich ein Interview mit dem ehemaligen Kulturdezernenten geführt, der auf der Suche nach einem verschwundenen Bronzereiher war. Ich hatte lange die Vision, ich reise nach Delmenhorst zurück, wir fahren beide mit dem Auto durch die Stadt und sprechen mit Leuten und fragen überall rum, wo der Reiher geblieben ist. Dazu wird es nie kommen, weil ich beim Aufarbeiten meiner Rechercheunterlagen festgestellt habe, dass er im Juni leider gestorben ist. Deshalb habe ich die Fiktion entwickelt, wie es idealerweise gewesen wäre.
Du bist also durch das Oldenburger Land gereist, um Geschichten zu sammeln. Dafür hast du viele Gespräche geführt und im Zentrum dieser Gespräche stehen oft die Lebenswege deiner Gesprächspartner – sind Geschichten für dich im Idealfall mit Biografien verbunden?
Ich gehe davon aus, dass ich mich allen Orten nur über die Menschen annähern kann, die dort leben. Wenn ich allein durch die Stadt laufe, mir die Fassaden der Häuser angucke und die Menschen beobachte, ohne mit ihnen zu reden, komme ich ihnen nicht nahe. Ich bekomme auch kein richtiges Gefühl für die Orte, alles bleibt an der Oberfläche. Deswegen war es mir wichtig, mich den Orten über Menschen anzunähern und über ihre Biografien, ihre Prägungen.
Der Titel deines Journals lautet Die Gangland-Chroniken. Wie ist er entstanden?
Bei meiner Reise habe ich mir erstmal keine Gedanken darüber gemacht, ob es einen roten Faden gibt. Dann sammelte sich immer mehr Material an. In Cloppenburg ging es um Schweinetransporter und Fahrraddiebe, in Delmenhorst, meiner zweiten Station, um den verschwundenen Reiher. Mit den Schweinen und Reihern hatte ich Tiere in meinen Text aufgenommen. Mit den ersten Stationen zudem zwei Verbrechen. In Seefeld, meiner dritten Station, gibt es sehr viele Kühe auf den Weiden und Pferde, aber die spielten keine Rolle, als ich dort unterwegs war und zufällig an einem Trecker-Kino teilnahm. Dort standen die Gespräche mit den Menschen im Vordergrund. Deswegen ist das Kapitel auch mit Menschen überschrieben. Die Idee, Landgang umzudrehen und zu Gangland zu machen oder zu gang land entstand durch die ersten beiden Orte, die ich besucht habe.
Als Nächstes soll wieder ein Roman von dir erscheinen. Davor hast du Journale geschrieben, auch das aktuelle Buch Ein Haus auf dem Land, eine Wohnung in der Stadt. Das Spannungsfeld zwischen dem Leben auf dem Land und in der Stadt war bei den Veranstaltungen der vergangenen Tage immer wieder Thema unserer Gespräche. Dauert die Arbeit an einem Journal genauso lange wie die Arbeit an einem Roman?
Bei Romanen hängt es stark von der Konstruktion, der Plausibilität der Geschichte und den Figuren ab, ob sie glaubwürdig sind. Das herzustellen, ist mir oft selbst ein Mysterium. Ich merke irgendwann: OK, jetzt geht es – und wenn es nicht geht, weiß ich nicht unbedingt, woran es liegt. Bei den Journalen ist es so, dass ich genau weiß, was ich aufschreiben muss, weil alles wirklich stattgefunden hat. Da ist das Schreiben eher eine Disziplinfrage. Deswegen fällt es mir leichter, Journale zu schreiben.
Zuletzt geändert am 20. August 2026
