Marion Poschmann: „Das Fade-Orte-Projekt (Oldenburger Land)“
Die Schriftstellerin und Lyrikerin Marion Poschmann erhielt 2016 vom Literaturhaus Oldenburg das zum zweiten Mal auf der Grundlage einer Förderung durch die Kulturstiftung der Öffentlichen Versicherungen Oldenburg vergebene Landgang-Stipendium, ein Reisestipendium durch das Oldenburger Land.
Marion Poschmann wurde 1969 in Essen geboren. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Slawistik. 1994 nahm sie zudem ein Studium für Szenisches Schreiben an der Berliner Hochschule der Künste auf. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Berlin und ist Mitglied der Mainzer Akademie für Wissenschaften und Literatur sowie im P.E.N. Sowohl für ihre Prosa als auch ihre Lyrik wurde Marion Poschmann vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis und dem Peter-Huchel-Preis.
Mit dem Projekt „Literarischer Landgang“ gehen die Kulturstiftung der Öffentlichen Versicherungen Oldenburg und das Literaturhaus Oldenburg als Partner einen neuen Weg in der Literaturförderung, der einen deutlichen Akzent in der bundesweiten Literaturförderung setzt und zugleich Regionalität betont.
Die regionalen Partner des Literaturhauses bei der zweiten Durchführung des Projekts waren das Industrie Museum Lohne, das Schifffahrtsmuseum Unterweser in Brake, das Museumsdorf Cloppenburg, das Schlossmuseum Jever in Kooperation mit den Horumersieler Literaturtagen, der Bahnhofsverein Westerstede und die Städtische Galerie Delmenhorst.
Erkundungstour und literarisches Reisetagebuch
Im September 2016 unternahm Marion Poschmann die Erkundungsreise des „Literarischen Landgangs“, die sie in sieben Landkreise und kreisfreie Städte des ehemaligen Landes Oldenburg führte: Lohne, Cloppenburg, Oldenburg, Delmenhorst Brake, Jever und Westerstede.
Marion Poschmann führte die Rundtour auf eigenen Wunsch nicht mit einem Mietwagen, sondern mit dem Fahrrad durch. Die Passagen zwischen den Stationen gewannen so an Bedeutung, weil die Schriftstellerin die Entfernungen körperlich erfuhr und des Reisetempos wegen viel Zeit hatte, den Blick unterwegs in die Landschaften zu richten.
Auf der Grundlage dieser Radtour schrieb Marion Poschmann ein Reisetagebuch. Als Vorbild führt sie im Prolog ihres Textes das Tagebuch eines japanischen Schriftstellers an, das als eines der bekanntesten Reisebücher der Weltliteratur gilt: Bashos Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland. „Ich werde also“, formuliert Poschmanns Text, „wie Basho in den wilden Norden meines Landes reisen. Schmale Pfade, Radwege, Hinterland, stürmische Nordsee, alles ist stimmig“. In Anlehnung an eine japanische Art der Reisebeschreibung, die Haibun genannt wird, hat sie dem Prosatext ihres Reisetagebuchs eine Reihe von Gedichten angeschlossen.
In der Reiseliteratur Asiens, so Marion Poschmann, herrsche die Ansicht, dass jeder Reise unabhängig von ihrer Dauer die Ernsthaftigkeit einer Lebensreise zugemessen werden könne. Von keiner Reise, dauere sie auch nur sieben Tage, komme man als dieselbe zurück. „Nach einer Woche im Oldenburger Land bin ich ruhiger geworden“, bilanziert ihr Text. „Mein äußeres Tempo war vom Fahrrad vorgegeben, mein inneres Tempo hat sich der Landschaft angepasst.“
Marion Poschmanns literarischer Reisebericht wurde in der Anthologie Fünf Landgänge veröffentlicht.
Marion Poschmann im Gespräch mit Monika Eden am 21. Mai 2017 in Oldenburg
Marion, du hast schon im September des letzten Jahres das Oldenburger Land besucht. Mir erschien es naheliegend, die Reise mit dem Auto oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln durchzuführen. Ich hatte bei der Auswahl der Stationen darauf geachtet, dass alle ans öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen sind. Warum hast du dich für das Fahrrad entschieden?
Es lag für mich nahe, mit dem Fahrrad unterwegs zu sein, weil das Oldenburger Land eine Fahrradgegend ist. Ich konnte mit dem Rad wunderbar von einer Station zur anderen fahren und mich dabei auf das einlassen, was mich besonders interessiert: die Landschaft, die natürliche Umgebung. Das kann ich mit dem Fahrrad besser als mit einem Auto oder der Bahn, wo man alles durch Scheiben sieht.
Bist du mit einem festen Plan gereist, oder hast du dich treiben und überraschen lassen?
Einige Wochen vor meinem Aufbruch bekam ich von allen Stationen, die ich ansteuern sollte, umfangreiches Informationsmaterial. Es war klar, dass ich nicht alles sehen kann, was angeboten wird. Deshalb haben sich für mich schließlich einige Höhepunkte herauskristallisiert. Das waren die Rhododendron-Gärten, die Hügelgräber, die Nordsee und noch vieles mehr. Einige Punkte habe ich also gezielt angesteuert und alles andere auf mich zukommen lassen.
Im Prolog deines Textes berufst du dich auf einen japanischen Dichter, der vor langer Zeit ein Reisetagebuch geschrieben hat.
Ich stieß während eines Aufenthalts in Japan auf Bashōs Buch Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland. Das ist ein japanischer Reisebericht, der 500 Jahre alt ist, also wirklich ein Klassiker der Weltliteratur. Mich interessierte, dass es eine Reisebeschreibung in den wilden Norden Japans aus einer Zeit ist, als diese Reise noch gefährlich war, als man nicht wusste, ob man lebend wieder zurückkehrt. Besonders interessant für mich als Schriftstellerin ist aber die Tatsache, dass es sich bei seiner Route um eine Art dichterischen Pilgerpfad handelt.
Was hat es mit diesem Pilgerpfad auf sich?
Schon 500 Jahre vor Bashōs Zeiten, also von uns aus gerechnet ungefähr vor 1000 Jahren, wurde die Strecke von dichtenden Mönchen bewandert, von Schriftstellerpilgern. Sie hielten an besonders schönen, landschaftlich bedeutsamen Stellen, an wichtigen Tempeln entlang und verfassten dort, wenn es ihnen gelang, ein Gedicht. Diese tausendjährige Tradition haben einige Dichter fortgesetzt und so handelt es sich bei den Stationen der Reise um Orte, die literarisch vielfach überschrieben wurden. Wenn man als Dichter etwas auf sich hielt, kannte man die älteren Texte und bezog sich auf sie. Dabei entstand immer wieder eine neue Kombination aus eigener Wahrnehmung und schon geschriebener Literatur.
Das klingt für mich wie das Konzept für den Literarischen Landgang, von dem ich bisher annahm, er sei meine Idee. Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die wir einladen, werden auch in den kommenden Jahren schreibend auf das Oldenburger Land reagieren. Vielleicht gelingt es, mit dem Projekt eine ähnliche Tradition zu begründen?
Du hast ein Reisetagebuch geschrieben. Private Tagebücher richten sich nicht an ein Publikum. Wer in ihnen Ich schreibt, meint damit immer sich selbst. Du schreibst als Autorin Ich. Wie literarisiert ist dein Reisetagebuch?
Ein literarischer Text ist immer eine Mischung aus Autobiografischem und Fiktionalem. Wenn ich Romane schreibe, ist das Schreiben weiter von mir abgerückt. In den Tagebuchtexten ist es etwas näher an dem erlebenden Ich Marion Poschmann, denn ich habe diese Reise tatsächlich unternommen. Mir war deshalb wichtig, dass es bei dem Text tatsächlich um meine Eindrücke bei dieser Reise durch die Landschaft geht, um die Konfrontation mit dem, was mir auf dieser Fahrt entgegenkommt. Ich wollte Eindrücke des Augenblicks einfangen. Deshalb sind manche wie zufällig wirkende Passagen entstanden, aus Situationen, die ich nicht vorhergeplant hatte.
In deinem Prolog steht, dass in die japanische Art der Reisbeschreibung, die Haibun genannt wird, Gedichte einbezogen werden. Auch du hast dem Prosatext deines Reisetagebuchs Gedichte angeschlossen. In welcher Reihenfolge sind Text und Gedichte entstanden?
Ich hatte eigentlich den Plan, eine Kombination aus Prosa und Lyrik zu schreiben, wie in dem japanischen Vorbild, auf das ich mich stütze. Dort gibt es zu jeder Station eine kurze Beschreibung in Prosa, die ungefähr besagt: wir waren jetzt an dem soundso-Tempel. Dann folgt ein kleines Gedicht, ein dreizeiliges Haiku. Manchmal auch noch ein Haiku des Reisebegleiters. So hatte ich mir das auch vorgestellt. Ich dachte, abends im Hotel schreibe ich dann immer noch ein dreizeiliges Gedicht. Aber Gedichte stellen sich entweder ein oder sie stellen sich nicht ein. Während dieser Reise ist es mir nicht gelungen, auch nur eine Gedichtzeile zu verfassen. Ich habe unterwegs nur Notizen gemacht und danach zu Hause die Prosatexte geschrieben. Erst ziemlich lange danach habe ich zu jeder Station auch ein Gedicht geschrieben.
Der Prolog offenbart auch eine feine Ironie. Denn zum Glück hast du dein Leben nicht aufs Spiel setzen müssen, um in den wilden Norden deines Landes zu reisen. Und weil mir die positiv besetzte Bedeutungsdimension des Faden vor deiner Erkundungstour nicht geläufig war, habe ich auch nicht lockend betont, dass bei uns wirklich nichts los ist. Ironie schafft immer eine gewisse Distanz. Warum ist sie dir für den Einstieg in deinen Text wichtig?
Ironie schafft tatsächlich Distanz. Sie ist eine Form des sowohl als auch. Man legt sich nicht fest, hält sich ein Hintertürchen offen. Diese Haltung habe ich für den Einstieg auch gewählt, um mich gegen potenzielle Kritik von Ortskundigen abzusichern. Als Stipendiatin war ich nur für einen Tag an jedem Ort und machte dort bestimmte Beobachtungen. Viele Beobachtungen mache ich zwangsläufig aber auch nicht. Und bei einer so speziellen Lesetour besteht eine gewisse Erwartungshaltung des Publikums. Wir haben den Text jetzt schon an mehreren Stationen vorgestellt und tatsächlich gab es hier und da solche Rückmeldungen. Ja, manches habe ich einfach nicht erwähnt und mir vorbehalten, einen ganz subjektiven Blick zu pflegen und nur das zu schreiben, worauf ich mich persönlich konzentriere, abgesehen von all dem, was ich auch noch hätte schreiben können.
Weil ich jetzt weiß, dass es Kulturkreise gibt, in denen der Begriff des Faden positiv besetzt ist, bekomme ich regelrecht Lust, mich auch auf seine Spur zu begeben. Was muss ich machen, um es zu entdecken?
Das Fade ist etwas sehr Subtiles, was man nur schwer erhaschen kann. Das eigentlich Spannende daran ist, dass es weniger um einen Blick nach außen, als um den Blick nach innen geht. Der Blick auf das Fade ist immer auch eine Form der Selbstreflexion, der Selbsterkenntnis. Wenn man zum Beispiel auf einer Reise einen besonders prominenten Gegenstand betrachtet, wie etwa den Eiffelturm, ist man immer auf das Objekt fixiert. Man sieht sich dessen Eigenschaften an und dabei bleibt es in der Regel. Wenn man jedoch eine zumindest auf den ersten Blick nicht ganz so interessante Sache betrachtet, wie eine einfache Wiese, ein abgeerntetes Feld oder dergleichen, wird man ziemlich schnell mit sich konfrontiert. Dieses Zurückgeworfensein auf sich selbst soll dann nach der ostasiatischen Theorie zu einer Form der Selbsterkenntnis führen.
Ich nutze also Reiseführer fortan, um Orte zu identifizieren, die ich meiden werde. Die Landgang-Lesereise endet mit der heutigen Veranstaltung, doch ich wage die Behauptung, dass Marion Poschmann mit dem Oldenburger Land noch lange nicht fertig ist. In den letzten Tagen hat sie vor und nach den Lesungen unternommen, was im September nicht möglich war, und wiederholt, was ihr besonders gut gefallen hatte: In der Nähe von Lohne zum Beispiel haben wir einen japanischen Garten besucht. In Brake ist sie erneut in der Weser geschwommen. Und von Westerstede aus hat sie gestern ein weiteres Mal den Rhododendronpark besucht. Eigentlich müssten wir sie bitten, auf der Grundlage der Lesereise gleich die Fortsetzung des Reisetagebuchs zu schreiben. Aber wir können uns auch auf ihren nächsten Roman freuen, der im September erscheint. Marion, worum geht es in dem Buch?
Der Roman heißt Die Kieferninseln. Er spielt in Japan. Auf den Dichter Bashō und sein Reisetagebuch bin ich im Zusammenhang mit meiner Recherche zu dem Buch aufmerksam geworden. Wenn man sich mit Lyrik beschäftigt, stößt man irgendwann auf ihn. Aber ich musste feststellen, dass er in Deutschland nur bei Spezialisten bekannt ist, obwohl es eine deutsche Übersetzung gibt. Mein Protagonist unternimmt unverhofft eine Reise nach Japan. Dort stößt er auf Bashōs Reisetagebuch und setzt sich auf dessen Spuren. Er trifft einen jungen Japaner, der auch eine Art Reiseführer mit sich führt, einen Reiseführer besonderer Art. Die beiden tun sich zusammen und setzen die Reise gemeinsam fort.
Lesereise 2017
Ihr Reisetagebuch aus Prosa und Lyrik stellte sie vom 16. Mai bis zum 1. Juni 2017 bei öffentlichen Literaturveranstaltungen vor. Die vom Literaturhaus Oldenburg konzipierte und organisierte Lesetour führte sie erneut zu den sieben Stationen, die sie im September des Vorjahres als Stipendiatin bereist hatte. Monika Eden, die Leiterin des Literaturhauses, begleitete sie als Moderatorin und sprach mit ihr über ihre Reise und ihren Text, von welchem Marion Poschmann je nach Veranstaltungsort ausgewählte Passagen vorlas.
Zuletzt geändert am 20. August 2026
