Deniz Utlu: „Panorama einiger Menschen aus meiner Heimat im September“
2024 erhielt Deniz Utlu das 10. Landgang-Stipendium als Reisestipendium durch das Oldenburger Land. Es führt die Stipendiatinnen und Stipendiaten in sieben Landkreise und kreisfreie Städte des ehemaligen Landes Oldenburg und wird seit 2015 jährlich vergeben.
Deniz Utlu, 1983 in Hannover geboren, studierte Volkswirtschaftslehre in Berlin und Paris. Von 2003 bis 2014 gab er das Kultur- und Gesellschaftsmagazin freitext heraus. Sein Debütroman Die Ungehaltenen erschien 2014 und wurde 2015 im Maxim Gorki Theater für die Bühne adaptiert. Im Oktober 2024 fand unter dem Titel Archiv der Sehnsüchte die Uraufführung einer neuen Inszenierung des Romans im Schauspielhaus Hannover statt. Sein zweiter Roman Gegen Morgen wurde 2019 veröffentlicht, 2023 folgte Vaters Meer. Deniz Utlu verfasst zudem Theaterstücke, Lyrik und Essays. Er unterrichtete 2023 Literatur und literarisches Schreiben am Institut für Sprachkunst in Wien, am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und an der Universität der Künste Berlin. 2023 und 2024 war er Teil der Jury des Internationalen Literaturpreises. Seit 2013 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Menschenrechte. Für seine Arbeit wurde Deniz Utlu vielfach ausgezeichnet, zuletzt 2021 mit der Mainzer Poetikdozentur und dem Alfred-Döblin-Preis, 2022 mit einem Aufenthaltsstipendium in der Kulturakademie Tarabya in Istanbul, 2023 mit dem Bayerischen Buchpreis und 2024 mit dem Preis der LiteraTour Nord und dem Sonderpreis des europäischen Literaturpreises.
Erkundungstour und Langgedicht
Im September 2024 reiste der Schriftsteller durch das Oldenburger Land. Mit der Tour war für ihn ein Rollentausch verbunden, denn üblicherweise ist er unterwegs, um bei Veranstaltungen seine Bücher zu präsentieren: „Ich habe in viele Gesichter geschaut, viele Gewässer, Wolken und Felder gesehen und Vögel gehört“, berichtete er nach seiner Rückkehr „und es hat gutgetan – so sehr ich es liebe – unterwegs nicht jeden Abend bei einer Lesung aufzutreten, sondern ganz mit mir selbst ohne Blicke, Fragen und Antworten zu reisen und dabei in die Rolle des Beobachters schlüpfen zu können.“
Zum Literarischen Landgang hat er ein mehrteiliges erzählendes Langgedicht mit dem Titel Panorama einiger Menschen aus meiner Heimat im September geschrieben. Es nimmt Bezug auf zwei Schriftstellerkollegen Utlus: Nâzım Hikmet (1902 bis 1963) gilt als Begründer der modernen türkischen Lyrik. Aras Ören, der seit 1969 als Schriftsteller, Journalist und Schauspieler in Berlin lebt, reagierte bereits in den 1970er Jahren literarisch auf ihn. Mit Hikmets Mitteln portraitierte er in einem Versroman Menschen in der Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg. Zu jeder Straße im Oldenburger Land konnte Deniz Utlu kein Gedicht schreiben, doch jeder Station des Landgang-Projekts widmete er ein Teilgedicht seines Poems. Hikmet hatte er während der ersten Tour im Reisegepäck. Ganz mit sich selbst ist er im Herbst 2024 also doch nicht gereist.
Lesereise 2025
Vom 4. bis 11. Mai 2025 stellte Deniz Utlu im Oldenburger Land den Text vor, der durch seine herbstliche Erkundungstour angeregt wurde. Sein Langgedicht entspricht mit 50 Seiten einem Zehntel des Umfangs von Hikmets Poem. Auch deren Vortrag beansprucht jedoch etwa eine Stunde Lesezeit. Weil dem Gespräch über das außergewöhnliche Literaturprojekt viel Raum geben werden sollte, trug der Schriftsteller bei den Lesungen von Cloppenburg bis Westerstede jeweils nur wenige Teilgedichte vor. Einzig zum Abschluss in Oldenburg wurde der komplette eindrucksvolle Text vorgestellt.
Deniz Utlu im Gespräch mit Monika Eden am 11. Mai 2025 in Oldenburg
Auf seine Landgang-Reise im Herbst des letzten Jahres hat Deniz Utlu mit einem erzählenden Langgedicht reagiert. Es setzt nicht im Oldenburger Land ein, sondern folgt seinem Anreiseweg von Hannover, der Stadt, in der er aufgewachsen ist, über Bremen, um erst im dritten Teilgedicht in Oldenburg anzukommen. Deniz, üblicherweise bist du auf Lesereise, wenn du Bücher vorstellst, die schon erschienen sind, Texte, die deshalb zwangsläufig abgeschlossen sind. Ich habe von deinem Langgedicht Ende Januar eine erste Fassung bekommen, die schon sehr stimmig war und als abgeschlossen hätte gelten können. Du hast aber seitdem und auch während der Tage unserer Lesereise den Text verändert und weiter an ihm geschrieben.
Ja, deshalb sitze ich hier auch mit Laptop. Das mache ich sonst nicht. Das ist keine Faulheit, sondern für mich Teil des Prozesses. Im Rahmen dieser Lesetour ist der Text und darf der Text und soll der Text im Entstehen sein. Ein Text ist für mich nicht abgeschlossen, bis er veröffentlicht ist. Erst mit der Veröffentlichung wird der Arbeit an ihm ein Riegel vorgeschoben. Das hat auch etwas Befreiendes, weil es eine ganze Schar an Texten gibt, die ich im Grunde genommen seit Dekaden mit mir führe.
Es ist für dich also in Ordnung, das Langgedicht öffentlich vorzutragen, bevor die Arbeit an ihm abgeschlossen ist?
Es ist so, dass ich beim Schreibprozess auch die Romane, auch die Übersetzungen immer laut lese. Das Lautlesen ist für mich ein Teil der Arbeit am Text. Ich lasse mir jeden Text – nicht immer ganz, aber in großen Teilen – auch vorlesen und überarbeite ihn dann noch einmal. Auf dieser Lesereise habe ich die optimale Gelegenheit, den Text an verschiedenen Orten mit einem Publikum auszuprobieren und danach noch einmal in ihn reinzuhorchen und zu fragen: War das okay für dich, brauchst du etwas anderes?
Als besondere Form hast du das erzählende Langgedicht gewählt. Was ist das für ein literarisches Format?
Mein Landgang-Text ist eine Transposition oder Imitierung eines Langgedichts von Nâzım Hikmet. Nâzım Hikmet ist ein Lyriker, der die türkische Lyrik revolutioniert hat. Vor ihm war sie sehr formalisiert; es war eigentlich unmöglich, auf ein Reimschema oder auf einen bestimmten Rhythmus zu verzichten. Hikmet hat das aufgebrochen. Er hat gesagt: Ich schreibe so, wie es mir passt. Das heißt nicht, dass es sich nicht reimen darf. Das heißt auch nicht, dass es nicht einem Rhythmus folgt, aber ich ändere und variiere es, wie es mir gerade passt.
Er hat die Lyrik aber nicht nur aus ihrem starren Formkorsett befreit?
Er erzählt auch Geschichten in seinen Langgedichten. In meinem Text zitiere ich Menschenlandschaften aus meiner Heimat. Dort findet sich in fast jedem Vers eine neue Person, eine neue Figur. Und ich hatte, als ich durchs Oldenburger Land fuhr, dieses Langgedicht von Hikmet dabei.
Sein Gedicht hat 500 Seiten. Wenn in jedem Vers eine neue Figur auftritt, muss es eine unglaubliche Personaldichte haben.
Nâzım Hikmet versteht es als sein Opus magnum. Ich habe es mitgenommen, weil ich eine Begleitung brauchte. Ich bin allein durch diese Region gefahren, ich kannte hier wenige Menschen, außerhalb von Oldenburg niemanden mehr. Für mich sind Gedichte, auch Romane, immer eine Begleitung. Sie vermögen es, mir meine Einsamkeit ein Stück weit zu nehmen, und das soll sich in meinen Texten spiegeln. Meine Erfahrung mit dem Langgedicht von Hikmet war, dass es meinen Kopf mit unzähligen Personen bevölkerte. Ich bin durch das Oldenburger Land gefahren, saß am Wasser, las es und dann wohnten alle Figuren daraus plötzlich in meiner Seele und in meinem Kopf. Auch ich hätte am liebsten in jedem Vers eine neue Figur eingeführt.
… und zu jeder Straße ein Gedicht verfasst. Den Anspruch hast du dann aber runtergebrochen und zu jeder Station ein Teilgedicht geschrieben.
Genau, ich wollte es ausufern lassen. Es geht beim Lesen von Hikmet nicht darum, sich jede Figur zu merken. Man kann sich von der Personalfülle berieseln lassen und schauen, wer übrigbleibt und wer wieder geht. Das habe ich auch so gemacht. Einige Figuren bleiben bis zum Schluss meines Textes, andere musste ich wieder gehen lassen.
Vor dir hat sich ein anderer Schriftsteller auf Hikmet und sein Langgedicht berufen, den du in deinem Poem auch erwähnst, nämlich Aras Ören. Mit ihm hast du dich für die Recherche zu deinem ersten Roman beschäftigt?
Aras Ören hat mit seinem Langgedicht Was will Niyazi in der Naunynstraße? schon vor mir eine Transposition von Hikmet vorgenommen. Als Student habe ich beim Ballhaus Naunynstraße dramaturgisch mitgearbeitet und entlang Örens Langgedichts recherchiert. Ich habe versucht herauszufinden, wie das Leben dort in den 70er-Jahren war und gleichzeitig in gewisser Weise skizzenhaft schon eine Art Menschenpanorama der Naunynstraße festgehalten. Aus dieser Recherchearbeit sind einige Essays entstanden, die veröffentlicht wurden. Und mein erster Roman Die Ungehaltenen hat das Wissen, dass ich mir dabei über Kreuzberg und die Naunynstraße angeeignet habe, aufgenommen.
Du erwähnst im Eingangsgedicht nicht nur Hikmet und Ören, sondern auch andere Verweistexte, auf die du dich beziehst.
Ja, solche, die ich für diese Reise anrufen wollte. Hikmet erzählt mit einem Lächeln und einem Augenzwinkern, aber doch aus einer anderen Zeit. Am Anfang des 20. Jahrhunderts war die Situation in Anatolien ein bisschen dramatischer als letzten September im Oldenburger Land. Deshalb konnte ich nicht einfach seinen Blick und seinen Ton übernehmen. Ich beziehe mich auch auf Mascha Kaléko, die Trauriges und Komisches nebeneinanderstehen lassen kann, auf Hildegard Knef oder auf Bertolt Brechts Lieder.
Nach der Erstfassung hast du eine Erzählstimme in das Langgedicht aufgenommen.
Die Erzählstimme gab es schon vorher. Mit der Überarbeitung habe ich sie explizit gemacht. Ich habe sie als Ich eingeführt und dieses Ich ist der Vers. Die Konkretisierung soll verhindern, dass Kommentare und Geschichten, die erzählt werden, entweder dem Autor oder dem Durchreisenden zuordnet werden. Die Änderung ist auch Ausdruck meiner Überzeugung, dass jeder literarische Text etwas enthält, das älter als der Text selbst ist, weil wir alle von Geschichten, Erzählungen, Versen, Büchern und Mythen begleitet werden. All diese Geschichten tragen wir bewusst oder unbewusst durchs Leben. Eine mögliche Aufgabe von literarischer Arbeit ist es, sie zu gestalten.
Es ist eine sehr schöne Vorstellung, dass wir alle von solchen älteren Texten begleitet werden.
Und es ist eine Vorstellung, die mir viel Hoffnung gibt, weil ich mich dadurch weniger allein fühle in der Welt. Jemand hat vor hundertzehn Jahren etwas gesagt, zum Beispiel Nâzım Hikmet in seinem Langgedicht, und ich spreche mit ihm im Oldenburger Land. Er hat einen Teil seines Bewusstseins auf Papier gebracht und ich lese es und es wird Teil meines Bewusstseins. So sind wir verbunden und so sind in gewisser Weise alle Texte miteinander verbunden.
Manches hat sich bei unseren Auftritten der vergangenen Tage gefügt, ohne dass wir Einfluss darauf hätten nehmen können: Wir haben zum Beispiel dein Menschenpanorama in Delmenhorst im Haus Coburg inmitten eines Panoramas vorgestellt. An drei Wänden war es im Veranstaltungsraum als Umrisszeichnung von Gebäuden an die Wand gebracht, die prägend für die Stadt sind. In den Umrisslinien sahst du eine Entsprechung zum Bild des beschriebenen Blaupapiers aus deinem Langgedicht.
Das Bild entspricht der Idee, dass ich das, was ich wahrnehme, nicht erzähle wie eine Kamera, sondern eher so, als würde ich etwas von dem, was ich erlebe, auf ein zweidimensionales und einfarbiges Format abpausen. Das hat auch damit zu tun, dass ich mir nicht anmaßen kann und will, in wenigen Tagen das Oldenburger Land durchdrungen und verstanden zu haben. Ich habe mich eher für die Oberflächen interessiert, habe einen Gesprächsfetzen hier, eine Situation vor der Seefelder Mühle oder einen Gedanken festgehalten, den ich hatte, als ich ein Theater besuchte.
Ich hatte mich zuvor fünfzehn Jahre lang mit Vaters Meer, meinem letzten Roman, beschäftigt und als dein Angebot zum Landgang kam, dachte ich, nach so vielen Jahren mit dem Meer wird es Zeit für einen Landgang. Diesem Landgang wollte ich mich nicht wie zuvor dem Roman mit einem intensiven Studium des Themas nähern, ich wollte einfach an der Oberfläche bleiben.
Was nicht bedeutet, dass dein Langgedicht oberflächlich ist.
Nein, auf keinen Fall. Dann wäre es gescheitert. Es soll nicht oberflächlich sein, sondern an der Oberfläche bleiben und die Schönheit der Oberfläche würdigen. Und es soll nebeneinander stehenlassen, was heutzutage schwer auszuhalten ist als Nebeneinander. Das Schöne wie das Grausame, das Komische wie das Ernste – das ist alles Teil des Lebens und alles auch Teil meiner Reise. Und es darf im selben Vers Platz finden.
Zuletzt geändert am 20. August 2026
